VI. Natur und Geist im Lichte geisteswissenschaftlicher Erkenntnis
Man könnte aber jetzt noch in einer anderen Weise über Natur und Geist sprechen. Man braucht nur den Menschen selber zu betrachten. Beim Menschen tritt uns in gewisser Weise etwas entgegen, was die Begriffe «Natur und Geist» als Gegensätze zu rechtfertigen scheint. Das Kind wird geboren, alle Lebensäußerungen des Kindes in der ersten Zeit erscheinen wie etwas aus dem Physischen, aus der ganzen physischen Natur Herausgebildetes. Daher sagt man oft: Das Kind handle noch ganz nach seiner Natur. Erst später werde das Geistige, das Seelische aus dem Leibe geboren. Im Anfang seines Lebens ist der Mensch mehr Natur, später entwickelt er mehr den Geist. — Das ist aber wiederum nichts als eine nachlässige Betrachtungsweise. Denn in den ersten Zeiten unseres Lebens ist viel Geist in uns, er ist nur in mehr verborgener Weise in uns als später. Alles, was unserem Leibe seine Formen gibt, ist wirkender Geist, nur ist es nicht so, daß wir uns innerlich im Geiste betätigen und ihn mit dem Erinnerungsvermögen durchleuchten. Wir haben wahrhaftig in den ersten Kindheitsjahren nicht weniger Geist in uns als in den späteren Jahren. Man könnte wirklich unter Umständen noch radikaler sprechen. Jemand fragte in diesen Tagen: Was bedeutet es, wenn ein Kind nur ein paar Tage lebt und dann stirbt? — Es zeigt uns nun die okkulte Wissenschaft, daß ein so kurzes Leben doch einen Sinn hat. Oft hat das Wesen, das in diesem Kinderleibe ist, vieles ausbilden können, aber bisweilen hat es eines nicht ausbilden können, zum Beispiel ganz gesundes Sehen. Nehmen wir an, jemand ist in einer Inkarnation ein vorzüglicher Mensch gewesen, hatte aber ein schwaches Sehvermögen. Dann wird es geschehen, daß ein solcher später in einer Inkarnation nur wenige Tage lebt, nur um das, was ausgeblieben ist in dem vorigen Leben wegen seiner schwachen Augen, auszugleichen. In diesem Falle muß man diese Inkarnation zu der vorigen mitrechnen. Man unterschätzt im allgemeinen sehr die Bedeutung des Lernvermögens von dem Kinde in den ersten Tagen. Wenn das Kind lernt ins Licht zu sehen, so ist dazu mehr Kapazität notwendig, als zu alledem, was man lernt im ersten akademischen Semester.
Cite:
GA 150/1913-06-08/p013 · edition original