Sechster Vortrag
Eines aber ist von ganz besonderer Wichtigkeit. Ich habe es gestern dargestellt: Da wo unsere Sehnsucht am größten sein muß nach Außenwelt, weil wir am meisten in die Einsamkeit eingetreten sind, in der Mitternachtsstunde des geistigen Daseins, da ist es dasjenige, was eigentlich nur in den geistigen Welten wallt und wogt und lebt, da ist es der Geist, der an uns herantritt und unsere Sehnsucht in eine Art von Seelenlicht verwandelt. Bis zu diesem Zeitpunkt müssen wir den Zusammenhang mit unserem Ich bewahren. Wir müssen gleichsam die eine Erinnerung bewahren: Du warst auf Erden dieses Ich. Dieses Ich muß einem als Erinnerung bleiben. Daß man das kann in unserem Zeitenzyklus, hängt davon ab, daß der Christus die Kraft in die Erdenaura hineingebracht hat, welche sonst nicht aus dem irdischen Leben mitgebracht würde, die Kraft, die uns befähigt, die Erinnerung bis zur Mitternachtsstunde zu bewahren, Es würde zerreiBend, sozusagen eine Kluft sein, die unser Dasein zu einem unharmonischen in der Mitte zwischen dem Tod und einer neuen Geburt machen würde, wenn der Christus-Impuls nicht durch die Erdenwelt flösse. Lange bevor die Mitternachtsstunde eintritt, würden wir vergessen, daß wir ein Ich gewesen sind im letzten Leben. Wir würden den Zusammenhang mit der geistigen Welt fühlen, würden aber ans vergessen. Und das ist dadurch bewirkt, daß wir auf Erden eben wirklich unser Ich so stark entwickeln. Daß wir immer mehr und mehr zu diesem Ich-Bewußtsein kommen, das ist notwendig geworden seit dem Mysterium von Golgatha. Aber indem wir auf Erden immer mehr und mehr zu unserem Ich-Bewußtsein kommen, verbrauchen wir die Kräfte, die wir nötig haben nach dem Tode, damit wir wirklich bis zur Mitternachtsstunde des Daseins uns nicht vergessen. Daß wir diese Erinnerung bewahren können, dazu müssen wir in den Christus hinein sterben. So mußte der Christus-Impuls da sein: Er erhält uns bis zur Mitternachtsstunde des Daseins die Möglichkeit, unser Ich nicht zu vergessen.
Cite:
GA 153/1914-04-14_02/p023 · edition original