Erster Vortrag
Allein, blicken wir hin auf dasjenige, was diese heidnische Weisheit charakterisiert, können wir das nicht zusammenfassen in den Worten: durch Weisheit konnte der Erdenmensch als solcher — wenn er nicht aus seinem Leibe hinausging, indem er Mysterienschüler wurde — seinen Gott nicht als solchen erkennen? Durch Weisheit ebensowenig wie durch Wille konnte sich die Gottheit für den Menschen enthüllen. Ja, wir finden ein Wort, das ganz wunderbar hallt durch das griechische Altertum wie eine gewaltige Forderung an die Menschheit, aber dieses Wort stand am Eingang des Apollinischen Heiligtums, also einer Mysterienstätte, das Wort: «Erkenne dich selbst.» Was besagt uns die Tatsache, daß an dem Mysterien-Heiligtum dieses Wort «Erkenne dich selbst» wie eine Aufforderung an den Menschen stand? Das besagt es uns, daß man überall draußen, wo der Mensch als Mensch bleibt, was er seit Erdenanbeginn geworden ist, die Forderung «Erkenne dich selbst» nicht erfüllen könne, daß man etwas anderes werden müsse als Mensch, nämlich, daß man in den Mysterien die Bande lösen müsse, durch welche die Seele an den Leib gebunden ist, um sich selbst zu erkennen. So weist uns dieses Wort, das wie eine wunderbare Forderung am Apollinischen Heiligtum stand, ebenfalls darauf hin, daß Verfinsterung eingetreten war für die Menschheit, mit anderen Worten, daß der Gott nicht durch Weisheit zu erreichen war, ebensowenig wie er sich als Wille unmittelbar enthüllen konnte.
Cite:
GA 155/1914-07-12/p032 · edition original