Fünfter Vortrag

GA 166/1916-02-08/p023 ·1916-02-08 · original (original)
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Was ich Ihnen erzähle, ist nicht etwa von mir jetzt nur vorgetragen. Es ist eine Denknotwendigkeit der heutigen naturwissenschaftlichen Anschauung. Sie sehen, daß ein Naturforscher, wenn er etwa die letzte Konsequenz seiner Denkweise zieht, auf das kommt, was ich Ihnen erzähle. Das ist von mir nicht nur erfunden. Ich habe hier zum Beispiel einen «Leitfaden der Physiologischen Psychologie in fünfzehn Vorlesungen» mitgebracht, die der sehr bekannte Professor Dr. Ziehen in Jena verfaßt hat. Er versucht, dasjenige darzustellen, was seelisch-leiblich an dem Menschen zur Erscheinung kommt. In den einzelnen Vorlesungen geht er nun alles durch, indem er über die Empfindung, den Reiz, Geruchs-, Geschmacks-, Gehörs-, Gesichtsempfindungen und so weiter spricht. Ich will Sie mit alledem nicht belästigen, sondern will nur ein paar Stellen besprechen, welche in der fünfzehnten Vorlesung über den «Willen» vorhanden sind. Da finden Sie zum Beispiel Sätze wie die folgenden: «Wir haben aus den zahllosen materiellen Reizen der Außenwelt Rindenerregungen abgeleitet, welchen auf psychischem Gebiet die Empfindungen entsprachen. Wir verfolgten die Rindenerregung alsdann in der Hirnrinde auf den Assoziationsfasern bis in die motorische Zone: von hier wurde die materielle Erregung wieder peripheriewärts der Muskulatur zugeleitet und löste Muskelkontraktionen aus. Psychisch entsprach dem transcorticalen Prozeß das Spiel der Ideenassoziation, und die resultierende Bewegung bezeichneten wir psychologisch als Handlung. Wir vermochten die letztere aus der Empfindung und aus den Erinnerungsbildern früherer Empfindungen, den Vorstellungen, nach den Gesetzen der Ideenassoziation in völlig genügender Weise abzuleiten und hatten damit den psychischen Prozeß bis zu seinem Schlußgliede verfolgt. An dieser Stelle stoßen wir jedoch» sagt Ziehen weiter - «auf eine Hypothese, welche die Psychologie früher fast ausnahmslos gelehrt hat, und zu welcher zu allen Zeiten der gemeine Menschenverstand scheinbar unbewußt gelangt: ich meine die Annahme eines besonderen Willens als Ursache unserer Handlungen.»

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Cite: GA 166/1916-02-08/p023 · edition original