Gegenwärtiges und Vergangenes im Menschengeiste
Ein weiteres Element bei Friedrich Lienhard ist, daß er gerade durch sein Erfassen großer Menschheits- und Weltenzusammenhänge, denen er, ich möchte sagen, mit seinem Gefühle innig verwandt ist, ohne in irgendein engherzig Nationales zu verfallen, die treibenden, wirkenden Kräfte und Wesenheiten des Volkslebens zu erfassen sucht, und wiederum das Volksleben nicht aus der Einzelheit der zufälligen Individuen heraus, sondern aus dem ganzen Walten und Wogen des Volksseelenprinzips heraus zu erfassen versucht, und die einzelnen Gestalten hineinstellt in den großen geistigen Zusammenhang, in dem sie im Volksleben drinnenstehen können. Dadurch ist Friedrich Lienhard imstande, eine solche Gestalt, die von einer Art atavistischem Hellsehertum durchgeistigt ist wie der Pfarrer Oberlin vom elsässischen Steintal, in einer auf der einen Seite wirklich ganz plastischen und auf der anderen Seite doch wiederum außerordentlich intim-seelischen Weise zu erfassen und darzustellen. Und aus diesem Impulse heraus wußte er die Göttergestalten der Vorzeit in die Gegenwart wiederum heraufzurufen, nicht so, daß er etwa von den alten Göttersagen, von den alten Heldensagen nur das Inhaltliche nimmt, sondern indem er wirklich versucht, in der Sprache der Gegenwart die Möglichkeit zu finden, das, was als Wellenschlag dieses alte Leben durchlebt hat und bis in unsere heutige Zeit heraufschlägt, wiederum zu erwecken. Dadurch ist in gewissem Sinne Friedrich Lienhard wirklich einer der vornehmen Dichter der Gegenwart, weil andere Dichter der Gegenwart so sehr gesucht haben, mit Absehen, möchte ich sagen, von allem Künstlerisch-Geistigen auf das Naturalistische und Realistische sich zu verlegen und dadurch etwas Neues zu schaffen; während der wirkliche Poet nicht in diesem Sinne durch naturalistische Schrullen in unserer Gegenwart das Neue schaffen will, sondern es schaffen will dadurch, daß er den ewigen Strom der ewigen Schönheit in einer neuen Weise erfaßt, so aber, daß die Kunst wirklich Kunst bleibt. Und wirkliche Kunst kann eben niemals ohne Geistigkeit sein.
Cite:
GA 167/1916-02-13/p005 · edition original