Vierter Vortrag
Nun haben wir versucht, gewissermaßen den Sinn der neueren Zeit, jener neueren Zeit, die wir als die fünfte nachatlantische irdische Kulturperiode bezeichnen, zu ergründen. Wir wissen, daß diese Zeit ungefähr aufgeht in dem Zeitalter, welches die äußere Geschichte auch bezeichnet als den Übergang des Mittelalters zur neueren Zeit. Das Mittelalter, vielleicht mit Ausnahme seiner allerletzten Jahrhunderte, bis in das 14., ja noch bis in einen Teil des 15. Jahrhunderts herauf, betrachten wir als zugehörig zum vierten nachatlantischen Kulturzeitraum, den wir als den griechisch-lateinischen bezeichnen nach dem eigentlichen Grundcharakter seines geistigen und materiellen Lebens; er beginnt etwa im 8. Jahrhundert vor dem Mysterium von Golgatha. Wenn wir nur in dem Stil, wie es die gewöhnliche Geschichte macht, die Entwickelung der Menschheit betrachten — auch das ist ja schon öfter hier und anderswo gesagt worden -, so kommt man sehr leicht zu der Meinung, daß in dieser menschlichen Entwickelung, solange man von ihr so sprechen kann, enthalten ist das, was wir als Jetzt-Menschen entwickeln, daß diese menschliche Entwickelung ziemlich gleich verlaufen ist. Man stellt sich vor, es ginge die geschichtliche Entwickelung, wenn man rückwärts blickt, nur so zurück, und der Mensch wäre sich ziemlich gleich geblieben. Vor einer wirklichen geistigen Geschichtsbetrachtung gilt das nicht, wie wir wissen; da gilt, daß in der Tat die Menschheit sehr, sehr sich verändert. Und mehr als man heute glaubt, wo man so wenig eigentlich übersehen will von der Menschheitsentwickelung, ist der Mensch des 10., 12. Jahrhunderts der christlichen Zeitrechnung ganz radikal verschieden von dem Menschen der gegenwärtigen Zeit. Wenn man die ganze Konfiguration des Seelenlebens, die ganze Konfiguration der menschlichen Gesinnungsweise und der Lebensart ins Auge faßt, dann zeigt sich diese Verschiedenheit nicht nur etwa auf den Höhen des Lebens, da, wo Weltanschauungsfragen oder wissenschaftliche Fragen, Erkenntnisfragen spielen, sondern diese Verschiedenheit zeigt sich zu den einfachsten, primitivsten Menschen heruntergehend. Der Bauer, der einfachste Bauer ist heute in seiner ganzen Seelenkonfiguration, wenn die Welt auch nicht viel davon weiß, innerlich ein wesentlich anderes Wesen als der Mensch des 8.,9., _ 10. christlichen Jahrhunderts. Und wiederum können wir sagen, daß dasjenige Zeitalter, das im wesentlichen den Charakter der Gegenwart trägt, wie es so heraufkommt vom 15.,16. Jahrhundert an, seinen ersten kleineren Abschnitt vollendet hat ungefähr in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Mitte des 19. Jahrhunderts ist ja tatsächlich, wie wir auch schon öfter angeführt haben, ein ganz wichtiger Zeitabschnitt.
Cite:
GA 171/1916-09-23/p004 · edition original