Neunter Vortrag
Und so können Sie es verstehen, daß es nicht nur verbrecherisch war, zu demjenigen, zu dem es nicht sein durfte, die Mysterienformeln zu sprechen, da man dadurch eine Gewalt auf ihn ausübte, die unberechtigt war, sondern daß es auch verpönt war, hinzuhorchen, denn man setzte sich ja der Gefahr aus, sich ganz in die Gewalt des andern zu begeben. Die Dinge sind nicht so abstrakt, wie es heute gewisse Menschen darstellen wollen, sondern die Dinge sind konkret und real, und die Zeiten haben sich geändert, und auf diese Änderung der Zeiten muß man hinhorchen. Seit dem Mysterium von Golgatha haben die Worte diese Bedeutung nicht mehr, denn Sie sehen ja ein: wirkliche Freiheit hätte unter den Menschen nicht entstehen können, wenn die Worte diese Bedeutung beibehalten hätten; denn die Menschen wären immer nur das Ergebnis gewissermaßen der Sprache gewesen in seelischer Beziehung. Die Worte mußten diese innere Kraft verlieren. Aber eine andere Kraft kam herein in die Erdenentwickelung, welche, wenn sie ein richtiges Verhältnis zur Menschheit fand, den Menschen nach und nach wiederum ersetzen konnte das, was früher aus den Worten kam. Die alten Menschen lernten aus ihren Worten denken, und es gab in alten Zeiten keine anderen Gedanken als die, die aus den Worten kamen. Aber nur dann konnte aus den Worten die Kraft der Gedanken kommen, wenn die Worte so waren, wie ich sie geschildert habe. Diese Kraft war in der Folgezeit nicht mehr vorhanden. Aber da kam dasjenige Wesen, welches den Gedanken, wenn sich diese Gedanken erfüllen mit ihm, wiederum diese Kraft geben konnte, dasjenige Wesen, welches sagen konnte: «Ich bin das Wort», — und das ist der Christus. Nur müssen die Menschen erst den Weg finden, den Christus in ihrer Seele lebendig zu machen. Der Christus ist da. Wir wissen, daß er seit dem Mysterium von Golgatha eine reale Kraft ist. Und jetzt, wo wir über das Karma sprechen, wollen wir auch zeigen, wie er sein Verhältnis zum Karma hat, wie der Angelos nur zu dem einen Menschen in Beziehung kommt, der Christus aber eine viel höhere Bedeutung haben kann als die Erzengel, weil er nicht nur die Menschen hier auf der Erde verbindet dem Zeitgeiste nach, sondern weil er verbindet die Lebenden und die Toten, diejenigen Seelen, die hier im Leibe organisiert sind, und die, welche durch die Pforte des Todes gegangen sind. Aber dazu müssen wir noch ein wenig besser verstehen lernen, wie aus dem Geiste unserer Zeit heraus der Christus gefunden werden kann, beziehungsweise wie ein Weg zu dem Christus gefunden werden kann. Denn von dieser Frage sind wir ja gerade ausgegangen: Wie kann der heutige Mensch einen Weg zu dem Christus finden?
Cite:
GA 172/1916-11-26_02/p023 · edition original