Siebenter Vortrag
Wenn man geisteswissenschaftlich die Entwickelung der Menschheit betrachtet, so bekommt man, wie Sie wissen, eine Anschauung über diese Entwickelung, die in vieler Beziehung recht sehr von dem abweicht, was die bloße Naturwissenschaft feststellen kann. Namentlich über die Entwickelung der Menschenseele selbst, oder besser gesagt, der Menschenseelen im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende, bekommt man durch die Geisteswissenschaft eine andere Anschauung als durch die bloße naturwissenschaftliche Betrachtung. Nicht nur daß, wenn wir in ältere Zeiten zurückblicken, ein altes atavistisches Hellsehen vorhanden war, wie uns ja bekannt ist, welches in ganz anderer Weise ein Bewußtsein im Menschen erzeugte, als das heutige Bewußtsein ist, wie ich es Ihnen das letzte Mal ausführte, sondern es ist so, daß weit in spätere Zeiten herein, in spätere Jahrhunderte herein, Reste vom alten Hellsehen viel reicher vorhanden waren, als man sich auch nur vorstellt. Namentlich muß man nicht außer acht lassen, daß bis ins vierzehnte, fünfzehnte, sechzehnte und auch noch siebzehnte Jahrhundert — wenn auch abgeschwächt, herabgelähmt — über den größten Teil der Erde hin bei den Menschen zwar nicht ausgesprochenes atavistisches Hellsehen, aber deutlich in seinen Nachwirkungen sich zeigendes atavistisches Hellsehen vorhanden war. Und ich habe ja in früheren Betrachtungen ausgeführt, daß bis zum heutigen Tage bei vielen Menschen durchaus atavistisches Hellsehen vorhanden ist, daß man das nur nicht weiß, weil die Menschen heute sich genieren, vor den meisten ihrer Mitmenschen zu gestehen, wie in ihr Bewußtsein hereingetreten sind Offenbarungen von geistigen Welten in der Art, wie wir dies das letzte Mal kennengelernt haben. Es ist doch ein großer Unterschied zwischen dem, was die Menschenseelen bis ins sechzehnte, siebzehnte Jahrhundert herein erleben, und demjenigen, was die Seelen in späteren Zeiten bis in unsere Tage herein von der geistigen Welt unmittelbar erleben können. Im siebzehnten Jahrhundert gibt es viele Menschen, die nicht die Gegenstände des hellseherischen Schauens so unmittelbar würden beschreiben können, daß sie sagen würden: Ich habe diese geistige Wesenheit gesehen, habe jene geistige Wesenheit gesehen, — weil ihre Bewußtseinskraft nicht stark genug war, wenn solche geistige Wesenheiten vor sie hintraten, um sie wirklich auch aufzufassen, in die Vorstellungskraft hereinzubringen. Die Bewußtseinskräfte waren herabgedämpft, aber trotzdem war es für jene Zeit noch so, daß sich die Wesenheiten der geistigen Welt viel mehr, als man dies heute ahnt, für die Menschen in ihr Wollen, Fühlen und Vorstellen hereinbegaben. In unserer Zeit ist es ja für den, der in das Schauen der geistigen Welt und in die Eigentümlichkeit dessen, was dort geschaut wird, eingeweiht ist, wirklich recht schwer, in ganz unbefangener Weise zu seinen Mitmenschen zu sprechen. Denn die Zeitgenossen würden, wie ich oft ausgeführt habe, einen viel zu starken Schock empfangen, wenn man gewisse, auch nur elementare Verhältnisse über die Erkenntnis des Menschen zur geistigen Welt darstellen würde. Denn mit so vielem, was die Menschen heute aus ihrem Materialismus heraus glauben, steht es so, daß der Eingeweihte aus seiner Erkenntnis der geistigen Welt heraus das Gegenteil davon sagen muß. Das gibt natürlich alle möglichen Kollisionen mit dem, was die Zeitgenossen über irgend etwas aus ihrem materialistischen Empfinden heraus als eine Wahrheit annehmen.
Cite:
GA 176/1917-09-11/p004 · edition original