Siebenter Vortrag
Den Betrachtungen, die in diesen Wochen gehalten worden sind, lag verschiedenes zugrunde, das dazu führen kann, die menschliche Natur in ihrem Zusammenhang mit dem geschichtlichen Werden der Menschheit so zu verstehen, daß man sich allmählich eine Vorstellung bilden kann über Notwendigkeit und Freiheit. Weniger können solche Dinge entschieden werden durch Definitionen und Wortauseinandersetzungen als dadurch, daß man die entsprechenden Wahrheiten aus der geistigen Welt zusammenträgt. Die Menschheit wird sich in unserem Zeitalter immer mehr daran gewöhnen müssen, eine andere Art des Verständnisses der Wirklichkeit sich anzueignen, als es die heute so vielfach herrschende und übliche ist, die sich im Grunde genommen an sehr Sekundäres, an allerlei nebulose Vorstellungen in Anknüpfung an Wortdefinitionen und so weiter hält. Man hat heute, wenn man das vornimmt, was manche Leute schreiben oder sagen, die sich für ganz besonders gescheit halten, das Gefühl: sie reden in Begriffen und Vorstellungen, die nur scheinbar bestimmt, in Wirklichkeit aber so unbestimmt sind, wie wenn jemand über einen gewissen Gegenstand sprechen würde, der zum Beispiel aus einem Kürbis gemacht ist. Hat man einen Kürbis umgestaltet zu einer Flasche und benützt ihn als Flasche, so kann man über diesen Gegenstand so reden, als ob man über einen Kürbis redet, denn ein Kürbis ist es in Wirklichkeit; aber man kann auch wie über eine Flasche reden, denn eine Flasche ist er ja auch, er wird richtig benützt als Flasche. Nicht wahr, die Dinge, über die man spricht, bekommen erst ihre Valeurs in den Zusammenhängen, in denen man sich ergeht. Wenn man nicht in Anlehnung an Worte, sondern aus einer gewissen Anschauung heraus spricht, so wird jeder Mensch wissen, ob man eine Flasche meint oder einen Kürbis. Aber man darf sich dann nicht auf die Beschreibung des Gegenstandes oder die Definition des Gegenstandes beschränken. Denn solange man sich auf eine Beschreibung, auf eine Definition beschränkt, kann es ebensogut ein Kürbis oder eine Flasche sein. Und so kann heute dasjenige, worüber viele Philologen, Leute, die sich sehr gescheit dünken, reden, die Seele des Menschen sein, es kann aber auch der Leib des Menschen sein, es kann Kürbis und kann Flasche sein.
Cite:
GA 179/1917-12-17/p003 · edition original