Achter Vortrag
Nun sehen Sie, die ganze Richtung des Gedankens geht bei solchen Volkswirtschaftslehrern darauf hin: Wie richtet man die soziale Struktur am besten ein? — Nun aber wird Ihnen dabei vielleicht eine Frage kommen, die Ihnen als die wichtigste dünken könnte, die ja in ihrer Eigenart auch von den Physiokraten nicht ganz klar ins Auge gefaßt wird. Es wird nachgedacht in den volkswirtschaftlichen Systemen, von denen ich bisher gesprochen habe, wie man am besten die volkswirtschaftliche Struktur herbeiführen kann. Allein die Verfolgung dieser Gedanken, die hier zutagetreten, die erinnert einen doch immer wieder daran, daß da auch die andere Frage da ist, die Frage: Was will denn eigentlich die ganze Volkswirtschaft? — Sie will doch nicht nur, sie kann wenigstens nicht nur verteilen wollen, was da ist, sondern sie muß doch auch darauf sehen, daß etwas da ist, daß materielle Güter wirklich produziert werden. Es kommt ja auch darauf an, daß man der Erde Güter abgewinnt. Wie steht das Verhältnis des Menschen zu den Gütern, die der Erde abgewonnen werden? Darüber hat eigentlich erst Malthus bewußte Gedanken aufgestellt, und zwar liefen seine Gedanken in einer Bahn, die im Grunde genommen schon den Menschen bis zu einem gewissen Grade bedenklich machen kann. So ganz unbegründet ist es durchaus nicht, was als eine Kardinalfrage, und was als eine Anschauung über diese Kardinalfrage Malthus gerade zutage gefördert hat. Er sagte: Wenn man überblickt die Bevölkerungszunahme der Erde - er war der Ansicht, der ja viele moderne Menschen sind, daß die Bevölkerung der Erde immer zunimmt -, und wenn man überblickt die Zunahme der geförderten Nahrungsmittel, der geförderten Lebensmittel, so stellt sich ein Verhältnis heraus. Und Malthus drückt es etwas mathematisch aus, indem er sagt: Die Zunahme der Lebensmittel geht in arithmetischer, die Zunahme der Menschen in geometrischer Progression vor sich. — Ich kann Ihnen vielleicht durch ein paar Zahlen dies klar machen. Nehmen wir an, das Verhältnis der Nahrungsmittelzunahme ist 1, 2, 3, 4, 5, so würden wir das geometrische Verhältnis haben: 1, 2, 4, 8, 16. Er meint mit anderen Worten, die Bevölkerung nimmt viel schneller zu, als die Nahrungsmittel zunehmen. Er ist also der Ansicht, die Entwickelung der Menschheit kann der Gefahr gar nicht entgehen, daß Kampf ums Dasein eintritt, und daß endlich viel zuviele Menschen da sind im Verhältnis zur Nahrungsmittelzunahme. Also er faßt die volkswirtschaftliche Entwickelung der Menschheit von einem ganz anderen Gesichtspunkte aus ins Auge; von dem Gesichtspunkte des Zusammenhanges des Menschen mit den Erdenverhältnissen. Er kommt dazu, oder wenigstens seine Anhänger kommen dazu, daß es eigentlich gegen die Entwickelung spricht, viel Armenpflege und dergleichen zu treiben, denn dadurch züchtet man nur die Übervölkerung,; und das ist der Menschheitsentwickelung schädlich. Er kommt sogar dazu, zu sagen: Derjenige, der schwach ist im Leben, den lasse man ununterstützt, denn es kommt darauf an, daß die Unzulänglichen im Leben ausgemerzt werden. - Er versucht dann noch andere Mittel, von denen ich hier nicht sprechen will, ich kann es nur andeuten. Das Zweikindersystem sucht er namentlich zu empfehlen, um die Naturtendenz der Übervölkerung hintanzuhalten. Kriege betrachtet er als etwas, was notwendig in der Menschheitsentwickelung auftreten muß, weil eben die Naturtendenz vorhanden ist, daß die Bevölkerungszunahme eine weitaus schnellere ist als die Lebensmittelzunahme.
Cite:
GA 186/1918-12-13/p014 · edition original