Achter Vortrag
Das andere ist, daß sich - allerdings modifiziert durch spätere, aber in einer gewissen Weise instinktive Punkte - im Zusammenhange mit dem Charakterisierten solch ein Gedanke ausgebildet hat, wie der vom Lohngesetz. In der radikalen Form, in der dieser Gedanke früher existiert hat, existiert er allerdings im modernen proletarischen Denken nicht mehr, aber man muß doch die Form kennen, in der dieser Gedanke zum Beispiel bei Lassalle noch existiert hat; damit man sich über das orientiere, was gleichsam als ein Residuum über diesen Gedanken in der proletarischen Gegenwart noch immer existiert. Klar fixiert ist dieser Gedanke von dem sogenannten ehernen Lohngesetz vom volkswirtschaftlichen Forscher Ricardo. Aber Lassalle hat ihn noch Mitte des vorigen Jahrhunderts mit aller Energie vertreten. Er würde etwa so heißen: So wie einmal die heutige soziale Struktur ist mit der Form des Kapitals, so kann derjenige, der proletarisch arbeiten muß, niemals über ein gewisses Maximum hinaus für seine Arbeit entlohnt werden. Der Lohn muß sich immer in einer gewissen Höhe bewegen. Er kann nicht über diese Höhe steigen und nicht unter diese Höhe hinunterfallen. Die objektiven Verhältnisse selbst machen es notwendig, daß sich ein gewisser Satz von Arbeitsentlohnung geltend macht. Über den Maximal- oder meinetwillen Minimallohn - das ist ja in diesem Falle gleichgültig —- kann sich das Lohnniveau des Arbeiters nicht hinauf- und nicht herunterbewegen; wenigstens nicht wesentlich; so glaubt Ricardo, und zwar aus folgendem Grund. Er sagt: Nehmen wir an, es trete durch irgendwelche Verhältnisse, zum Beispiel durch gute Konjunktur oder irgend etwas in irgendeiner Zeit eine besondere Erhöhung des Lohnes ein. Was würde geschehen? Die Proletarier würden also plötzlich hohe Löhne bekommen, ihr Lebensstand würde sich dadurch erhöhen, sie kämen zu einem bestimmten Wohlstand. Proletarische Arbeit zu suchen wäre dann etwas, was mehr anzieht, als beim früheren Lohne. Es ist ein stärkeres Angebot von proletarischer Arbeit da, außerdem durch den Wohlstand eine stärkere Vermehrung der Arbeiter und so weiter, kurz, es ist ein stärkeres Angebot da. Die Folge davon wird sein, daß man leichter den Arbeiter bekommt. Also unterzahlt man ihn wiederum. Der Lohn fällt also wiederum zurück auf das frühere Niveau. Gerade dadurch, daß er steigt, werden Erscheinungen hervorgerufen, die ihn wieder fallen machen. Nehmen wir an, er fällt nun durch irgend etwas, so tritt eine Verelendung ein, dadurch ein geringeres Angebot. Die Arbeiter sterben früher und werden krank, haben weniger Kinder, also es tritt ein geringes Angebot an Arbeitskräften ein, und damit wird wiederum Lohnerhöhung eintreten. Man kann aber nur so weit gehen, als das eherne Niveau ist.
Cite:
GA 186/1918-12-13/p019 · edition original