Dritter Vortrag

GA 191/1919-10-05/p018 ·1919-10-05 · original (original)
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Nun könnten die Kantianer und die Physiologen kommen und sagen: Es gibt keine Beziehung zwischen dem Petschaft, das vielleicht aus Bronze ist, und dem, was aus Siegellack ist. - Gewiß, das ist ganz Bronze, das andere ist ganz Siegellack. Niemals geht aus der Bronze etwas über in den Siegellack und niemals aus dem Siegellack etwas in die Bronze. Die beiden sind durchaus zweierlei. So ist es mit Leib und Seele. Das eine drückt sich im anderen ab, aber es geht nichts von dem einen in das andere über, jedes hat seine eigene Substantialität, und nichts, gar nichts, geht von dem einen in das andere über. Und dennoch, wenn Sie abgedruckt haben, dann haben Sie da im Siegellack «Müller» stehen und auf dem Petschaft auch «Müller» stehen, ein und dasselbe. Aber die Vermittlung ist nicht dadurch geschehen, daß irgend etwas sehr Feines herübergeronnen oder herübergeträufelt wäre vom Petschaft in den Siegellack; das ist nicht geschehen, sondern es ist etwas geschehen, was weder Siegellack noch Bronze ist, was aber in beiden das gleiche ist. Und daß das gerade «Müller» ist, das hängt wahrlich weder zusammen mit der Bronze noch mit all dem, was da in der Bronze ist, sondern das ist im Lebendigen. Daß irgendeiner den Namen Müller erhalten hat, das hängt mit dem Leben zusammen, das weist hin auf die ganze Breite des Lebens. So haben wir das Geistig-Seelische, so haben wir das Leibliche. Das Geistig-Seelische drückt sich im Leiblichen ab. Aber dasjenige, was da in beiden dasselbe ist, der Geist, das ist eine ganze weite Welt. Aber wir erfassen den Geist nicht, wenn wir bloß immer das Seelische ansehen, geradesowenig wie wir den Müller erkennen lernen, wenn wir nur das Petschaft anschauen. Wir erfassen den Geist auch nicht, wenn wir bloß hineinschauen in die materielle Welt, geradesowenig wie wir den Müller erkennen können, wenn wir auf den Siegellack schauen.

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Cite: GA 191/1919-10-05/p018 · edition original