Siebenter Vortrag
Mehr als wir denken, sind wir von dem allem durchdrungen. Indem wir heute Weltanschauungsideen ausbilden, bilden wir im Grunde genommen solche Ideen aus, die noch dem angepaßt sind, was bei den Griechen aus dem Blute kam. Unser geistiges, unser kulturelles Leben ist durchdrungen von dem, was wir aus dem Griechentum aufnehmen. Das Griechentum ragt in unsere Zeit luziferisch herein. Das Griechentum metamorphosierte sich ins Römertum hinüber. Wir haben eine nächstfolgende Zeit im Römertum. Die Römer waren gegenüber den Griechen ein nüchternes, prosaisches Volk, und sie haben andere Seiten des Lebens ausgebildet. Was bei den Griechen aus dem Blute kam, haben sie abstrakt ausgelebt. Gegenüber den Griechen haben sie den Menschen selbst zu einem Abstraktum gemacht, zum Staatsbürger. Der Mensch ist eigentlich nicht Mensch im römischen Sinne, er ist Staatsbürger. Das ist eine dem Griechen unverständliche Sache. Man ist nicht das, was man ist als Mensch, indem man in die Menschheit eintritt, sondern man ist das, was man ist, indem man einregistriert ist in irgendeine Urkunde des Staates. Das tritt manchmal grotesk zutage. Ich hatte einen alten Freund, der war vierundsechzig Jahre alt. Eines Tages sagte er: Jetzt habe ich mir so viel erspart - er war immer ein armer Kerl gewesen -, daß ich jetzt die Geliebte meiner Jugend heiraten will. — Er hatte sich nämlich mit achtzehn Jahren verlobt, hatte aber damals kein Geld, um seine Verlobte zu heiraten. Und die beiden gelobten sich gegenseitig, so lange zu warten, bis sie sich heiraten könnten. Das war nun jetzt möglich geworden. Inzwischen war er vierundsechzig und sie zweiundsechzig Jahre geworden. Er zog also in seinen Heimatort und schrieb, nun wäre alles in Ordnung, das Geld hätte er. Aber sie konnten nun doch nicht heiraten, weil seine Gemeinde an seiner Existenz zweifelte. Es war nämlich vor Jahren das Pfarrhaus abgebrannt, damit auch alle Taufurkunden und so weiter, und es war niemand mehr da, der über seine Persönlichkeit hätte Angaben machen können. Er meinte zwar, daß es doch ein Beweis wäre, daß er selbst da wäre, aber er hatte keinen gesetzlichen Beweis! Die Heirat ist zwar schließlich doch zustande gekommen, aber es wurde ihm durch diese Schwierigkeiten klargemacht die viel größere Wichtigkeit des Taufscheines als die der eigenen Persönlichkeit. Man ist also Bürger.
Cite:
GA 193/1919-09-13/p024 · edition original