Dreizehnter Vortrag
So hängen wir mit unserem Leben mit dem Vorgeburtlichen zusammen. Auf dieses Vorgeburtliche deuten die traditionellen Religionsbekenntnisse nicht gerne hin, ja sie lehnen es sogar entschieden ab. Ich habe das schon berührt, daß das gerade das Eigentümliche der gegenwärtigen traditionellen Religionsbekenntnisse ist, daß sie nur von dem Nachtodlichen sprechen, nicht von dem Vorgeburtlichen, von der Präexistenz. Sie wollen davon nicht sprechen, weil man dann nicht sich richten kann an den Egoismus des Menschen, an den man sich richtet, wenn man den Menschen predigt bloß von dem nachtodlichen Leben; denn das Wissen von dem nachtodlichen Leben wollen die Menschen genießen zwischen Geburt und Tod. Dasjenige, was ihnen auferlegt die Verpflichtungen für dieses Leben, weil die Götter sie aus der geistigen Welt entlassen haben, um ihre Mission zu erfüllen, das spricht nicht zum menschlichen Egoismus, das spricht zu der menschlichen Verantwortlichkeit und menschlichen Verpflichtung. Deshalb finder man wenig Zustimmung, wenn man von diesem vorgeburtlichen Leben spricht. Und so sehr haben es diese Religionsbekenntnisse zuwege gebracht, die Menschen schlafen zu lassen über dieses vorgeburtliche Leben, daß wir wohl ein Wort «Unsterblichkeit» haben, das heißt, wir negieren die Sterblichkeit, aber wir haben kein Wort «Ungeburtlichkeit», was ebenso berechtigt wäre. Denn ebensowenig, wie wir mit unserem Geistig-Seelischen sterben, ebensowenig werden wir mit unserem Geistig-Seelischen geboren. Wir müßten in der Sprache ein Wort haben, das das andeutet. Ja, es muß in die Sprache das Wort «ungeburtlich» ebenso hinein wie «unsterblich», denn der Mensch erkennt sich nur zur Hälfte, wenn er nur das Wort «unsterblich» achten kann, nicht auch das Wort «ungeburtlich». An dem Unvermögen der Sprache erkennt man das Unvermögen, sich zu den geistigen Höhen auf diesem Gebiete zu erheben.
Cite:
GA 198/1920-07-10/p015 · edition original