Dreizehnter Vortrag

GA 198/1920-07-10/p022 ·1920-07-10 · original (original)
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Wir haben in Stuttgart die Waldorfschule begründet. Nach und nach kommen die Menschen und wollen hospitieren in der Waldorfschule. Das machen ja die Menschen der modernen Zeit; wenn sie etwas da oder dort interessiert, so gehen sie hin, schauen es sich an, dann «kennen» sie es, dann können sie unter Umständen auch so etwas einrichten. So ist ja allmählich unser Leben geworden. Aber darum handelt es sich gar nicht bei der Waldorfschule, sondern da handelt es sich darum, daß man vor allen Dingen in das innere Leben, das in die Didaktik, die Pädagogik in der Waldorfschule eingeführt worden ist, sich vertiefen kann. Da handelt es sich darum, daß man in der Tat das Verhältnis des Menschen zur Welt in einer ganz neuen Weise erfaßt. In bezug auf die Ideenwelt sind ja die Menschen freigebig. Der Mensch will nicht gerne seine Ideenwelt für sich behalten. Er möchte gern, daß alle dieselben Ideen haben, das heißt, er möchte seine Ideen allen Menschen geben. Mit Bezug auf andere Güter ist der Mensch nicht so freigebig, die behält er schon lieber für sich. Von den Ideen gibt er gerne allen. Das macht eben gerade den radikalen Unterschied zwischen der Geisteswelt auf der einen Seite und der wirtschaftlichen Welt auf der anderen Seite aus. Dieser Unterschied ist schon radikal vorhanden, wenn man nur auf ihn hinsehen will, und im Grunde genommen, wenn jemand nach dem alten System die Tendenz hat, Lehrer zu sein, besteht das auch nur in der Freigebigkeit bezüglich der Ideenwelt. Denn die Kinder sind noch bessere Geschenkannehmer als die Erwachsenen, die einem mit Kritik und mit Widerständen entgegenkommen können. An die Kinder kann man die Geschenke des Wissens noch leichter austeilen.

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Cite: GA 198/1920-07-10/p022 · edition original