Siebenter Vortrag

GA 199/1920-08-21/p006 ·1920-08-21 · original (original)
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Es gibt einen Satz von Fichte, der ist so charakteristisch für diesen Johann Gottlieb Fichte, den großen Philosophen von der Wende des 18. zum 19. Jahrhundert, daß ihn heute kein Mensch versteht. Dieser Satz heißt: «Die äußere Welt ist das versinnlichte Material der Pflicht.» Der Satz heißt nämlich nichts Geringeres als: Wenn man hinausschaut in die Welt der Berge, in die Welt der Wolken, Wälder, Flüsse, Tiere, Pflanzen, Mineralien, das alles ist etwas, was für sich selber gar keine Bedeutung, gar keine Realität hat, das alles ist eine bloße Erscheinung. Es ist bloß dazu da, daß der Mensch in seiner Entwickelung seine Pflicht verrichten kann; denn ich kann nicht meine Pflicht verrichten, wenn ich in einer Welt stehe, in der ich nicht umgeben bin von irgend etwas, das ich angreifen kann. Es muß Holz da sein, es muß ein Hammer da sein: das ist für sich gar nicht bedeutend, hat keine Materialität, sondern es ist nur das versinnlichte Material meiner Pflicht. Und dasjenige, was da draußen ist, ist dazu da, daß die Pflicht überhaupt zutage treten kann. Das hat ein Mensch aus den innersten Empfindungen seiner Seele, aus der innersten Nuance seiner Seelenverfassung heraus und dann aus dem Volkstum heraus vor einem Jahrhundert geprägt. Das ist nicht populär geworden. Wenn heute die Leute von Johann Gottlieb Fichte reden, Bücher über ihn schreiben, in Zeitungsartikeln von ihm reden, dann reden sie so, daß sie bloß die äußere Wortform wahrnehmen. Verstehen tut keiner etwas von Fichte. Sie können alles, was jetzt über Fichte so von der gewöhnlichen Belletristik und Wissenschaft notifiziert wird, ruhig als etwas nehmen, was mit Johann Gottlieb Fichte überhaupt nichts zu tun hat; aber viel hat es zu tun mit dem, was aus dem westlichen Volkstum aufgestiegen ist, und was sich herüberergossen hat in dasjenige, was auch sonstige zivilisierte Welt ist.

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Cite: GA 199/1920-08-21/p006 · edition original