Elfter Vortrag

GA 201/1920-05-02/p005 ·1920-05-02 · original (original)
Record: unknown. How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.

Nun habe ich ja darauf hingewiesen, daß wir eigentlich eine wahre Einsicht in diese Dinge nur gewinnen, wenn wir gewissermaßen das, was da in den Weiten des Weltenraumes vor sich geht, vergleichen mit dem, was zugeordnet vor sich geht innerhalb der Grenzen unserer Haut, in unserem eigenen Organismus. Bedenken Sie einmal, daß dem, was man Umlaufszeit der Erde um die Sonne nennt, ja irgend etwas entspricht. Wir haben gestern darauf hingewiesen, daß auch für die tägliche Tatsachenreihe hinzuweisen ist auf eine gewisse Kurve, auf eine gewisse Linie, die sich selber schneidet. In einer ähnlichen Weise wird auch vorzustellen sein diejenige Kurve, diejenige krumme Linie, welche der jährlichen Bewegung der Erde entspricht, ganz gleichgültig, ob man nun der Anschauung ist, daß diese Bewegung der Erde zugleich eine Bewegung um die Sonne ist oder nicht. Denn was haben wir da eigentlich vor uns? Bedenken Sie einmal: Wir haben in unserem eigenen Tageskreislauf, den wir jetzt nicht so nehmen wollen, wie er dem Kosmos entspricht, sondern wie er im Menschen auftritt, so daß wir auch diejenigen, deren Schlafens- und Wachenszeit nicht zusammenfällt mit dem Wechsel von Tag und Nacht, daß wir also auch die Bummler und unregelmäßig Lebenden fassen können. Wir wollen diesen Tageskreislauf im Menschen so betrachten, daß wir ihn aus dem Grunde, den wir gestern schon angeführt haben, uns repräsentiert denken durch solch eine Linie (Tafel 20, rechts oben), wobei die Punkte des Einschlafens und Aufwachens übereinanderfallen. Ich habe gestern schon bemerkt, daß man diese Punkte des Einschlafens und Aufwachens übereinanderfallend denken muß. Es gibt viele Gründe, aber es genügt ein Grund, um vor unbefangenem Urteil einzusehen, daß wir den Punkt des Aufwachens über den Punkt des Einschlafens zu legen haben. Denn nehmen Sie einmal die auffälligste Tatsache: Wenn Sie zurückblicken auf Ihr Leben, so erscheint Ihnen dieses Leben wie eine geschlossene Strömung. Sie sind nicht veranlaßt, dieses Leben so vorzustellen (die unterbrochene Gerade in mittlerer Höhe, von rechts nach links): Heute habe ich gelebt und die Umgebung gewußt bis zum Aufwachen; dann kommt Dunkelheit; dann gestern, da bin ich eingeschlafen, da habe ich wiederum gelebt bis zum Aufwachen; folgt wiederum Dunkelheit. So stellen Sie sich die Erinnerungsströmung nicht vor, sondern Sie stellen sich die Erinnerungsströmung so vor, daß in der Tat der Moment des Aufwachens und der Moment des Einschlafens wirklich zusammenfallen in Ihrem erinnernden Bewußtsein. Das ist eine einfache Tatsache. Diese Tatsache läßt sich nur so zeichnen, daß man die den Tageslauf im Menschen repräsentierende Kurve als eine Schleifenlinie zeichnet, wo dann der Punkt des Aufwachens über den Punkt des Einschlafens fällt. Wäre eine Kurve richtig, die eine Ellipse oder ein Kreis wäre, dann müßte das Einschlafen und das Aufwachen deutlich voneinander getrennt sein; es könnte nicht sich anschließen unmittelbar das Aufwachen an das Einschlafen. So also müssen wir den Tageslauf des Menschen uns vorstellen.

Read this passage in another edition
DEoriginalENEnglish
Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/201/1920-05-02/p005.json
Cite: GA 201/1920-05-02/p005 · edition original