Siebenter Vortrag

GA 202/1920-12-11/p016 ·1920-12-11 · original (original)
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Sie sehen hier, wie Vorgänge, die zweifellos auch ganz natürlich gefaßt werden können, das Geborenwerden und das Sich-Entkörpern des Menschen, Geburt und Tod, die die äußere Naturwissenschaft nur als Naturvorgänge auffaßt, als Erscheinungen, als Offenbarungen von Liebe und Freiheit gefaßt werden können. Und indem wir in uns aus unserem Willen heraus entwickeln die Liebe, geistig-seelisch, was tun wir denn da eigentlich? Da bilden wir ein geistig-seelisches Nachbild in uns, innerhalb unserer Haut, von dem, was unser ganzes Wesen ausmachte, bevor wir empfangen worden sind. Wir leben vor unserer Empfängnis im Kosmos durch die Kraft der Liebe. Und gewissermaßen wie eine gefühlsmäßig-willensmäßige Erinnerung an dieses kosmische Leben ist die Entfaltung der Liebe als einer moralischen Tugend während unseres Lebens zwischen Geburt und Tod. Wie eine Verfeinerung im Mikrokosmischen dessen, was ausgebreitet ist makrokosmisch vor unserer Geburt, erscheint uns die Tugend der Liebe, und das Bewußtsein unserer Freiheit erscheint uns dadurch, daß wir geistig-seelisch während unseres Lebens zwischen Geburt und Tod dasjenige in uns tragen, was wie ein Naturkraftwirken ganz im Kosmos wirken wird, wenn wir die Pforte des Todes durchschritten haben. Wir erleben Liebe und Freiheit zwischen Geburt und Tod. Sie sind nichts anderes als die menschlichen Widerklänge von kosmischen Kräften, denn mit aller Geburt hängt die kosmische Liebe zusammen, mit allem Sterben hängt die kosmische Freiheit zusammen. Wir reden, seitdem die Naturwissenschaften ihre 'Triumphe gefeiert haben, von allerlei Naturkräften, Licht, Wärme, Elektrizität und so weiter; wir reden aber nicht von denjenigen Naturkräften, oder besser gesagt Weltkräften, welche uns Menschen ins physisch-sinnliche Dasein führen und wiederum aus diesem physisch-sinnlichen Dasein herausführen. Denn die Sache liegt so: Nehmen Sie sich einmal die physikalisch-chemischen, die biologischen Wissenschaften, und nehmen Sie alles dasjenige, was Ihnen da geschildert wird an Kräften, welche die Welt konstituieren. Aus diesen Kräften, welche die Welt konstituieren, werden Sie verstehen können alles, was nicht Mensch ist auf der Welt, niemals aber den Menschen. Denn damit der Mensch da sein kann, muß außer dem, daß in der Welt Elektrizität, Licht, Wärme und so weiter wirkt, da sein Freiheit und Liebe. Man kommt, wenn man sich einer solchen Betrachtungsweise hingibt, indem man wirklich den Menschen begreifen lernt, zu Begriffen über das Naturwesen, die zu gleicher Zeit moralische Begriffe und Naturbegriffe sind, und es schwebt nicht auf der einen Seite ohne Zusammenhang mit der Natur die moralische Weltordnung, und auf der anderen Seite ohne Zusammenhang mit der Moralität die Naturordnung.

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Cite: GA 202/1920-12-11/p016 · edition original