Fünfter Vortrag

GA 204/1921-04-16/p006 ·1921-04-16 · original (original)
Record: unknown. How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.

Wie lebendig sind doch die Vorstellungen über die griechischen Götter bei den Griechen gewesen, und wie abstrakt begrifflich sind die Vorstellungen, die sich die Römer von ihren Göttern gemacht haben. Im Grunde genommen war in der späteren Zeit dasjenige, was die Griechen an Ideen hatten über die übersinnliche Welt,schon ein Unlebendiges, obwohl es in sich sehr lebendig war, aber verhältnismäßig ein Unlebendiges gegenüber den lebendigen Vorstellungen der übersinnlichen Welten, die darstellten ein Darinnenleben in diesen übersinnlichen Welten, wie sie in der älteren persischen Zivilisationsform vorhanden waren oder in der älteren indischen Zivilisationsform. Da lebte man in den übersinnlichen Welten, wenn auch dutch ein instinktives menschliches Erkennen, da lebte man aber doch mit diesen übersinnlichen Welten so, wie in der Gegenwatt eine spätere Menschheit mit der sinnlichen Welt lebt. Für den alten Orientalen war die geistige Welt durchaus etwas Erschlossenes. Für den alten Orient war die geistige Welt etwas, was für den Menschen so da war in bezug auf ihre Wesenheiten, wie für den späteren Menschen, nun, sagen wir, die anderen Menschen sind, die als seine Nebenmenschen neben ihm da sind, und der Grieche hatte aus dieser lebendigen übersinnlichen Welt heraus sein Begriffssystem gebildet. Die griechischen Ideen waren bis auf Aristoteles herunter im 4. Jahrhundert der vorchristlichen Zeit nicht solche abstrakte Ideen, die an der äußeren sinnlichen Beobachtung gewonnen und dann hinaufabstrahiert waren, diese griechischen Ideen waren noch herausgeboren aus der lebendigen übersinnlichen Welt, aus einer uralten Anschauung. Diese lebendigen griechischen Ideen durchseelten, durchwärmten noch den Menschen, gaben ihm noch den nötigen Enthusiasmus zu seiner Art des sozialen Lebens, insofern er an diesen Ideen teilnehmen konnte. Gewiß, man darf niemals vergessen, daß ein großer Teil des griechischen Volkes nicht teilnehmen durfte; es war das die weitausgebreitete Sklavenwelt. Aber diejenigen Menschen, welche die Träger der griechischen Kultur waren, die waren eben durchaus in einer Ideenwelt, die im Grunde genommen ein Herunterstrahlen übersinnlich-geistiger Mächte in die Welt des Irdischen war.

Read this passage in another edition
DEoriginalENEnglish
Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/204/1921-04-16/p006.json
Cite: GA 204/1921-04-16/p006 · edition original