Neujahrsbetrachtung
Es kommt nicht nur darauf an — das muß immer klarer und klarer eingesehen werden -, daß wir in unserer fortschreitenden Zivilisation das oder jenes sagen, sondern es kommt darauf an, daß wir entscheiden können, ob gegenüber einer Situation das oder jenes gesagt werden kann. Es mag noch so wahr sein im abstrakten Sinne, daß das Mittelalter luziferisch, die neuere Zeit ahrimanisch ist; diese abstrakte Wahrheit hat keine wirkliche Impulsivität. Die wirkliche Impulsivität tritt auf, wenn wir sagen: Der Mensch konnte sich aufrechterhalten im Mittelalter durch den Kampf gegen das Luziferische, der Mensch kann sich aufrechterhalten in der Neuzeit durch den Kampf gegen das Ahrimanische. Wahr sein kann auch im äußeren abstrakten Sinne das, was gegenüber der Wirklichkeit lediglich Phrase ist: Richtig wirklich im Vorstellungsleben ist nur dasjenige, was in bezug auf die Situation des Menschendaseins, auf die es ankommt, wirklich innerlich vorhanden ist. Wovor sich der moderne Mensch am meisten zu hüten hat, das ist das Fallen in die Phrase. Man erlebt es immer wieder und wiederum, daß Menschen, die dann schon glauben, im anthroposophischen Leben drinnenzustehen, sagen, dieser oder jener habe etwas gesagt, was ganz mit dem Anthroposophischen übereinstimme. — Auf das äußere Zustimmen in Worten kommt es nicht an, sondern auf den Geist, auf den lebendigen Geist, auf den lebendigen, wirklichen Zusammenhang, in dem etwas drinnen steht. Wenn wir heute bloß auf den äußerlich logischen Inhalt der menschlichen Aussage sehen, so entgehen wir der Gefahr der Phrase nicht.
Cite:
GA 210/1922-01-01/p031 · edition original