Achter Vortrag

GA 212/1922-05-28_02/p008 ·1922-05-28 · original (original)
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Wer unbefangenen Sinn hat, wird schon äußerlich bemerken können, daß das Schöpferische der Intelligenz gerade in den letzten Jahrzehnten wesentlich abgenommen hat. Die Menschheit ist nicht mehr in derselben Weise dabei, ich möchte sagen, Enthusiastisches mit dem Intellekt, mit dem Verstande zu verbinden. Dasjenige, was man durch Jahrhunderte geübt hat an Verstandes-Seelenhaftigkeit, das lebt sich, ich möchte sagen, wie durch eine gewisse Kulturträgheit weiter. Die Menschen denken in den alten Bahnen, aber der Intellekt bringt nichts Neues mehr hervor. Das ist insbesondere an unserer Jugend stark zu bemerken. Wie gesagt, wenn man nur unbefangen genug ist dazu, wird man das bemerken können. Wer zurückblickt etwa wie noch in den achtziger Jahren unsere akademische Jugend war — und es bezieht sich das wohl auf die ganze Zivilisation des Abendlandes; es war gewiß nicht bei allen der Fall, aber bei denjenigen, auf die es ankam -, dann kann man sagen: Wenn ein junger Mensch, der etwas gelernt hatte, anfing zu reden, dann hatte man eine gewisse Freude daran, und man war begierig, wie er weiterreden würde. Das ist heute nicht mehr so. Man kann ganz genau den Umschwung in den letzten Jahrzehnten sehen. Wenn heute gerade ein jüngerer Mensch, der, sagen wir, frisch aus den Hörsälen kommt, anfängt zu reden, dann ist man nicht neugierig, was er weiter sagen wird, denn man weiß es voraus. Es läuft automatisch ab. Der Mensch zeigt sich nicht mehr so, als ob sein ganzes Gehirn rege wäre, indem er seinen Intellekt entwickelt. Man hat das Gefühl, die intelligente Tätigkeit ist etwas aus dem Kopfe in tiefere Regionen herabgerutscht. Das ist dasjenige, was der, der unbefangen die Welt betrachtet, heute durchaus schon durch eine äußerliche Wahrnehmung erkunden kann. Etwas Maschinenhaftes hat die menschliche Intelligenz bekommen, und es quillt diese Intelligenz aus Regionen der menschlichen Organisation hervor, die eigentlich nicht mehr so recht der Kopf sind. Nun, das ist eben aus dem Grunde so, weil, wie gesagt, die Intelligenz ursprünglich elementar war, und weil im ganzen, in der ganzen Weltgesetzmäßigkeit das begründet ist, daß durch dieses Zeitalter vom 15. bis zum 19. Jahrhundert vorzugsweise die Menschheit die Intelligenz ausbilden sollte.

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