Siebenter Vortrag
Aber so wie er die verschiedenen Organe an der Pflanze sah, so sah er auch die verschiedenen Pflanzen an. Nehmen wir einmal die Sache so: Wir haben da irgendeine Pflanze. Sie hat es gut, sie kann aus dem Keim heraus eine ordentliche Wurzel bilden, einen Stengel, am Stengel ordentliche Blätter, eine ordentliche Blüte, sogar Staubgefäße und den Stempel in den Staubgefäßen drinnen (siehe Zeichnung). Goethe Do sagte: Die Staubgefäße sind auch nur dasselbe Blatt. — Er hätte sagen können: Ja, der Intellektualist behauptet, die roten Blumenblätter sind so breit, die Staubgefäße sind wie ein Faden so dünn, nur haben sie oben so eine Narbe. — Und dennoch sah Goethe im breiten Blumenblatt und im ganz schmalen Staubgefäß auch nur verschiedene Gestaltungen ein und desselben Blattes. Er hätte auch wieder bildlich sagen können: Habt ihr nicht schon einmal gesehen, daß ein Mensch einmal in seinem Leben ganz schlank war wie eine Gerte, nachher auseinandergegangen und ganz dick geworden ist? Das sind ja auch nicht zwei Menschen. — Also Blumenblätter und Staubgefäße sind eins, und wie gesagt, daß sie an verschiedenen Stellen sind, macht auch nichts aus, und das war auch für Goethe nichts Wesentliches, Der Mensch, der nicht so schnell laufen kann, kann nicht gleichzeitig an zwei Orten sein. Ein gebildeter Bankier in Berlin sagte einmal, als er von allen Seiten furchtbar ankrakeelt wurde: Glauben Sie, daß ich ein Vöglein bin, das an zwei Orten zugleich sein kann? - Ja, das kann eben der Mensch nicht, sondern hier handelt es sich darum, daß eben das Prinzip der Metamorphose, das Zeigen der Einheit in der Vielheit, der Einheit in der Mannigfaltigkeit überall von Goethe gesucht worden ist. Dadurch hat dann Goethe den Begriff der Metamorphose ins Leben gebracht.
Cite:
GA 216/1922-09-30/p017 · edition original