Siebenter Vortrag
Goethe hat das nicht gewußt, aber er hat eine Ahnung bekommen und hat das zunächst auf das Einfachste, das Pflanzenleben, angewandt. Er konnte das, weil seine Zeit dazu noch nicht reif war, eben nicht so weit ausdehnen, wie es heute ausgedehnt werden kann, nämlich bis zum Begreifen der Menschenverwandlung von einem Erdenleben bis zum andern. Gewöhnlich wird es mit einem Gefühl von Mitleid gesagt, daß Goethe diese Metamorphose ausgebildet hat, weil ihm da seine Künstlernatur in die Quere gekommen sei. Das sagen die Pedanten, die Philister, aus Mitleid heraus. Wer kein Pedant und Philister ist, der muß mit Begeisterung sagen: Goethe konnte eben zur Wissenschaft das Künstlerische hinzufügen und konnte gerade dadurch zu beweglichen Begriffen kommen. — Aber so kann man doch nicht, sagt jetzt der philiströse Dialektiker, die Natur begreifen. Da muß man steif logische, streng logische Begriffe, wie er sagt, haben. — Aber wenn die Natur eine Künstlerin wäre, dann könnte der ganzen Naturwissenschaft, die die Kunst ausschließt und nur auf äußere Begriffe geht, passieren, was mir einmal ein Münchner Künstler, der noch ein Zeitgenosse des großen Ästhetikers Carrière war und mit dem wir über Carriere ins Gespräch kamen, erzählt hat. Er sagte: Wir Künstler dazumal in unserer Jugend, wir gingen nicht in die Vorlesungen des Carriere. Sind wir einmal hereingegangen, dann gingen wir wieder heraus und sagten: Das ist der ästhetische Wonnegrunzer! - So, wie es dem Ästhetiker passierte, daß der Künstler ihn einen Wonnegrunzer nennt, so könnte die Natur, wenn sie selber über ihre Geheimnisse sprechen würde, den bloß logischen Naturforscher vielleicht nicht einmal einen Wonne-, sondern einen Jammergrunzer nennen, denn die Natur schafft eben künstlerisch. Und man kann der Natur nicht befehlen, sie dürfe sich bloß logisch begreifen lassen, sondern man muß die Natur so begreifen, wie sie ist.
Cite:
GA 216/1922-09-30/p028 · edition original