Fünfter Vortrag
Es ist daher schon ein großes Stück Wahrheit daran, wenn heute gewisse religiöse Philosophien auf eine Uroffenbarung hinweisen, die den historischen Erdenzeiten vorangegangen ist. Die äußere Wissenschaft kann da nicht viel weiter kommen, als zu einer Art, ich möchte sagen, seelischer Paläontologie. Gerade so, wie man aus dem Erdreiche die petrifizierten Formen findet, die auf das frühere Leben hinweisen, so kann man in den gleichsam petrifizierten Moralideen die Formen finden, welche auf die einstmals lebendigen, gottgegebenen Moralideen zurückweisen. Man kann daher auf den Begriff einer Uroffenbarung kommen und sagen: Diese Uroffenbarung versiegte. Die Menschen verloren die Fähigkeit, sich dieser Uroffenbarung bewußt zu sein. Und der Kulminationspunkt in diesem Verlieren ist im ersten Drittel des fünfzehnten Jahrhunderts gelegen. Die Menschen nahmen nichts mehr wahr, wenn sie nach innen schauten. Sie bewahrten nur noch die Tradition dessen, was sie früher geschaut hatten. Dieser Tradition bemächtigten sich allmählich die äußeren Bekenntnisgesellschaften und formten den äußerlich gewordenen, bloß traditionellen Inhalt zu Dogmen, an die man nur glauben sollte, während man sie früher in lebendiger Weise, aber als außermenschlich erlebt hatte.
Cite:
GA 217/1922-10-07/p010 · edition original