Moralische Erziehung Vom Gesichtspunkte Der Anthroposophie
Mit derjenigen Erkenntnis, welche wir uns erwerben durch unsere gewöhnliche Sinnesanschauung, und durch den Intellekt, der an diese Sinnesanschauung gebunden ist, können wir ja niemals viel von der Welt begreifen. Man gibt sich zwar der Illusion hin, daß man einmal, wenn die Wissenschaft, wie man sagt, vollkommener sein wird, mehr begreifen wird von der Welt durch die Intelligenz, durch die Sinnesbeobachtung und durch das Experiment, als gegenwärtig. Aber wer das ganze Verhältnis des Menschen zur Welt so beurteilen kann, wie es sich ergibt aus den beiden Vorträgen, die ich hier halten durfte, weiß, daß man mit der Sinnesanschauung und mit dem Intellekt nur das Mineralreich begreifen kann. Schon wenn es sich um das Pflanzenreich handelt, muß man sich darüber klar sein, daß ein viel Feineres gesetzmäßig und kraftmäßig aus dem Weltenall eingreift in die Pflanzenwelt, als das, was Verstand und Sinne begreifen können. Noch mehr ist das dann der Fall bei der tierischen, bei der animalischen Welt, und am meisten ist das der Fall beim Menschen. Denn Pflanzen — diese am wenigsten —, Tiere und Menschen, sind auch in ihrer physischen Organisation durchaus so, daß dasjenige, was in ihnen als Kräfte wirkt im Materiellen, so wirkt wie eine ideelle Magie. Und wer glaubt, daß er irgendeinen Vorgang, den er im Laboratorium verfolgt hat, auch in derselben Weise in dem Tiere oder in dem Menschenorganismus verfolgen könne, der täuscht sich gar sehr. Denn mit dem tierischen und menschlichen Organismus wird der rein physikalische Vorgang eingefangen in eine ideelle Magie. Und innerhalb des Menschen verstehen wir dann etwas, wenn wir diese ideelle Magie durchschauen, wenn wir also imstande sind, den Menschen so zu beurteilen, daß wir in ihm gewissermaßen durch seine materiellen Vorgänge hindurch schauen, wie das Spirituelle fortwährend in ihm tätig ist.
Cite:
GA 218/1922-11-19_02/p004 · edition original