Drei Etappen des Erwachens der menschlichen Seele
Das Gehenlernen ist etwas, was nur in ganz einseitiger Weise auf eine Reihe von Dingen hinweist, welche sich das Kind zugleich aneignet. Das Kind tritt ja so in die Welt, daß es in einer ganz andern Gleichgewichtslage darin ist als derjenigen, in der es sich später in der Welt bewegt. Zugleich ist damit der richtige Gebrauch der Arme verknüpft, auch die richtige Einstellung des menschlichen Organismus in die Lage, die dem Menschen gegenüber der Welt die entsprechende ist, in die dem Menschen entsprechende Bewegungsfähigkeit im irdischen Dasein. Das ist, was das Kind zunächst lernen muß. Aus dem, was sich da der Mensch an Beweglichkeit aus seinem Organismus aneignet, fließt, was ihn einordnet in die Gleichgewichtslage gegenüber dem Festen, Flüssigen, Gasförmigen. In alledem liegt die Grundlage, der Boden für etwas anderes. Indem der Mensch diese ganze Betätigung vornimmt, das Gehenlernen, das Gleichgewicht, die Arme und Finger gebrauchen lernt, wirken jene Bewegungen, die in seinem ganzen System sich vollziehen, herauf in dasjenige System, das der menschlichen Sprache zugrunde liegt. Das spannt die Muskeln an, das bewegt das Blut, übt einen Einfluß auf den ätherischen Leib des Menschen aus, überträgt sich auf jene physischen, ätherischen, astralischen Organe der Atmung, das setzt sich fort, übt eine gewisse plastische Tätigkeit an dem Gehirn aus. Man möchte sagen, es überträgt sich auf diejenigen Organe, die aus dem Menscheninneren durch Nachahmung seiner Umgebung die Sprache herausbringen. Die Sprache ist umgesetzte Bewegung und umgesetztes Gleichgewicht des Menschen. Wer sich aus der Anschauung des Geistig-Seelischen die Wirklichkeit zur Erkenntnis bringen kann, sieht, wie im melodiösen Element der Sprache weiterwirkt die Geschicklichkeit - nicht die fertige, sondern die Anstrengung, die das Kind machen muß, um jene Geschicklichkeit zu erwerben, die unsere Hand beim Greifen ausübt. Was Rhythmus der Sprache ist, drückt sich aus in der Art, wie die Füße aufgesetzt werden, in den Gehbewegungen. Es ist sehr bedeutungsvoll zu beobachten, ob das gehenlernende Kind zuerst mit den Fersen, den Ballen oder den Zehen auftritt. Aus der Sprache wächst heraus, was aus dem Menschen herausschießt als kindliches Denken. Gehen, Sprechen, Denken: aus jenem dumpfen, traumhaften Bewußtseinszustand entwickelt sich das heraus. Wenn der Mensch geboren worden ist und das noch nicht kann, so ist diese Kraft doch im Kinde vorhanden in der letzten Nachwirkung, so wie sie im vorirdischen Dasein vorhanden ist. Geisteswissenschaft kann uns zeigen, wie das im vorirdischen Dasein vorhanden ist. Die ersten Sprachlaute sind nicht solche, welche Denken wiedergeben, sondern gehen hervor aus dem körperlichen Wohl- oder Mißbehagen.
Cite:
GA 224/1923-04-28/p004 · edition original