Anthroposophie als Zeitforderung
Ich verweise Sie hier auf eine Seelentätigkeit, die durchaus beim Geistesforscher ausgebildet werden muß. Man glaubt gewöhnlich, und diejenigen, die die Sachen oberflächlich beurteilen, sprechen es oft aus: Geistesforschung ist etwas, wobei der Mensch sich so seinen Gedanken hingibt und etwas ausphantasiert — das ist leicht, während im Laboratorium, in der Klinik und auf der Sternwarte zu forschen, etwas Schwieriges, Entsagungsvolles ist. - Aber so ist es nicht. Denn was der Mensch als eine solche innere Seelenfähigkeit ausarbeiten muß, das nimmt zum mindesten eine ebensolange, ja auch viel längere innere Arbeit in Anspruch als irgendeine äußerlich angeeignete Wissenschaftlichkeit, wie sie heute in der Naturwissenschaft etwa üblich ist. Es sollte von denjenigen, die sich bekannt machen wollen mit dem, was hier Geistesforschung genannt wird, überhaupt nicht der Einwand erhoben werden: In der Naturforschung darf man kein Dilettant sein, wenn man mitreden will, da muß man wirklich etwas verstehen. - Was der Geistesforscher vorbringt, wird gewöhnlich so betrachtet, als ob es nur so leicht erworben würde gegenüber dem, was in der Naturforschung mit vieler Mühe erreicht wird. Aber es ist nur der Weg ein anderer. Bei der Naturforschung handelt es sich um das Verarbeiten der äußeren Wahrnehmungen und Tatsachen. Der Geistesforscher dagegen muß zuerst daran gehen, seine eigene innere Anschauungsfähigkeit zu entwickeln. Er entwickelt sie als Imitator des Traumes, aber indem in der meditativen Tätigkeit von ihm überwunden wird, was uns im Traume vorgegaukelt wird. Einer Tätigkeit werden wir uns im Traume nicht bewußt, die Traumbilder gaukelt sie uns vor; auf der ersten Stufe einer übersinnlichen Erkenntnis aber wird die Illusion vollständig durchschaut. Man weiß: Du stellst nichts vor - aber man wird die innere verstärkte, ermächtigte Tätigkeit gewahr und gelangt am Schluß dazu, an vielem Üben zu lernen, wie man diese Tätigkeit hervorrufen kann, ohne daß man erst eine illusorische Tätigkeit dazu braucht, ohne daß man erst den Traum nachahmen muß.
Cite:
GA 231/1923-11-15/p019 · edition original