Elfter Vortrag

GA 239/1924-06-10/p014 ·1924-06-10 · original (original)
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Ja, da muß ich allerdings etwas sehr Paradoxes sagen, aber Sie müssen schon dieses Paradoxe hinnehmen, weil es doch eine Wahrheit ist. Sehen Sie, die Initiierten in alten, grauen Zeiten, die waren vor etwas bewahrt, was heute als eine große Wohltat für das Menschengeschlecht angesehen wird, was aber von diesen Initiierten dazumal, wenn es ihnen passiert wäre, durchaus nicht für eine Wohltat, sondern für ein großes Hindernis der Initiation angesehen worden wäre. Heute wird man es nicht zulassen, daß ein Mensch gleich einem Initiierten der grauen Zeiten davor bewahrt bleibt, in solcher Weise schreiben und lesen zu lernen, wie man es eben heute lernen kann. Es geht einem vieles verloren mit der Art und Weise, wie man heute lesen und schreiben lernt: dieses Hineingezwängtwerden in Buchstabenformen, zu denen man ja gar kein menschliches Verhältnis hat. Wie die Europäer, diese «besseren Menschen» gegenüber den Wilden, den amerikanischen Indianern ihre Buchstabenformen gezeigt haben, als sie, diese besseren Menschen, herüberkamen zu den wilden Indianern, da haben diese Indianer eine leise Furcht und Angst davor gehabt, und sie haben die Buchstaben für kleine Kobolde und Dämonen gehalten. Also etwas, wo kleine Kobolde drinnen sind, was ganz unnatürlich ist, zu etwas so Fremdartigem wie alle diese Buchstabenformen unserer Schrift wird im sechsten, siebenten Jahre der Mensch hingeführt. Was in aller Welt hat denn ein A oder B in der Gestalt, wie wir es an uns herankommen lassen müssen als Kinder, zum menschlichen Leben für einen Bezug? Gar keinen, nicht den geringsten! Im alten Ägypterlande hat man wenigstens eine Bilderschrift gehabt, wo das Bild, das man hingemalt hat, eine Ähnlichkeit hatte mit der Wirklichkeit, und es wurde einem auch zum Bewußtsein gebracht, daß dasjenige, was man da hinmalte, einen Bezug hatte zur Wirklichkeit. Heute lernt man A, B, C als etwas ganz Lebensfremdes. Wir wollen in der Waldorfschule die größten Fehler wieder ausbessern, daher ist diese andere Art, lesen und schreiben zu lernen, unter anderem eingeführt in unserer Schule. Was aber alles aus dem Menschen ausgetrieben wird, was in einem ertötet wird, wenn man in dieser Weise lesen und schreiben lernt, das kann man nicht beurteilen, wenn man nur die Sehnsucht hat, alles materialistisch zu beurteilen, nur mit dem gewöhnlichen Bewußtsein in der Welt zu leben.

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Cite: GA 239/1924-06-10/p014 · edition original