Philosophie und Theosophie
Da haben wir als universalia ante rem dasjenige, was wir als zuerst in der Gottheit, in der Weisheit Gottes existierend annehmen müssen. Als christlicher Theologe, als Scholastiker, fasst man es auf ähnliche Weise auf, nur dass man nicht gleich bis zum höchsten Göttlichen hinaufgeht. Als Theosophen wissen wir, dass die universalia in re, wenn es sich zum Beispiel um Tiere handelt, deren Gruppenseele bedeuten, und so haben wir in der Tat im Aristotelismus eine Fundamentierung dessen, was wirklich die Theosophie begrifflich stützen kann. Nur gehört zu all dem, was uns bei Aristoteles entgegentritt, noch etwas anderes, was in der Neuzeit immer unbeliebter geworden ist: Es ist nötig, dass man sich dazu bequemß, in scharfen, fein ziselierten Begriffen zu denken, in Begriffen, die man sich erst zubereitet, es gehört dazu, dass man die Geduld hat, von Begriff zu Begriff vorzuschreiten, dass man vor allen Dingen Neigung zu begrifflicher Reinheit und Sauberkeit habe, dass man weiß, wovon man redet, wenn man einen Begriff anschlägt. Wenn man im scholastischen Sinne zum Beispiel von der Beziehung des Begriffs zu dem, was er repräsentiert, spricht, so muss man erst lange Definitionen in den scholastischen Schriften durcharbeiten. Man muss wissen, was es heißt, wenn man sagt, der Begriff ist formaliter begründet im Subjekt und fundamentaliter im Objekt: Was der Begriff als eigentliche Gestalt hat, kommt vom Subjekt, was er als Inhalt hat vom Objekt her - das ist nur eine kleine Probe. Wirklich nur eine kleine. Wenn Sie scholastische Werke durchnehmen, müssen Sie sich durch dicke Bände von Definitionen durchwinden, und das ist dem heutigen Wissenschafter sehr unangenchm; daher betrachtet er die Scholastiker als Schulfüchse und tut sie damit ab. Er weiß gar nicht, dass wahre Scholastik nichts anderes ist als die gründliche Ausarbeitung der Gedankenkunst, sodass diese ein Fundament für das wirkliche Begreifen der Wirklichkeit bilden kann.
Cite:
GA 246/1908-08-17/p037 · edition original