Das Todesrätsel als Lebensrätsel
Aber nun ist es besonders wichtig, das zu betrachten, um was es sich jetzt handelt in der Zeit nach dem Tode — von der wir jetzt sprechen -, zu betrachten, was sowohl unsere Gedanken wie unsere Handlungen auf unsere Mitwelt für eine Wirkung gehabt haben. Nehmen Sie eben den extremen Fall, den ich öfter anführe, nur weil man sich daran etwas veranschaulichen kann: Ich füge jemand eine Beleidigung zu im Leben, sei es durch Worte, sei es durch Taten. Nicht wahr, ich, der ihm die Beleidigung zufügt, werde gewisse Gefühle haben. Ich werde ihm ja nicht umsonst eine gewisse Beleidigung zufügen, wenn ich nicht ein Narr bin; sondern ich werde meine Gründe dazu haben. Ich empfinde etwas. Aber er empfindet anders - anders, wenn er die Beleidigung empfängt. Zweierlei ist das, was er und ich empfinden. Aber während des Lebens hier zwischen Geburt und Tod mache ich nur das durch, was ich dabei empfinde. Diese Empfindung wiederholt sich nicht in derselben Weise nach dem Tode beim Rückwärtsleben, sondern ich erlebe, was er dabei empfunden hatte. Ich gehe alle meine Handlungen in ihren Wirkungen durch. Dasjenige, was ich hier erlebt habe, gehe ich in seinen Wirkungen durch, lebe also zurück dasjenige, was ich angerichtet habe. Das durchlebe ich.
Cite:
GA 246/1916-03-03/p026 · edition original