39. Zur Charakteristik der Gegenwart

GA 251/1922-05-21/p005 ·1922-05-21 · original (original)
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Nelly Lichtenberg, die zuletzt noch in Stuttgart ihre Gesundung gesucht hat, hat dort vor einigen Tagen den physischen Plan verlassen. Sie und ihre Mutter, die dort zu ihrer Pflege war, gehörten ja seit dem Beginne unserer anthroposophischen Bewegung dieser an. Und, wenn ich in wenigen Worten ausdrücken will, was vielleicht gerade die Verstorbene, von dem physischen Plan Hinweggegangene - und auch ihre Mutter selbst - in meinen Augen am besten charakterisiert, so möchte ich sagen: Gegenüber der anthroposophischen Bewegung bestanden ihre Seelen aus lauterer Treue, aus lauterer tiefer Hingegebenheit an die Sache. Wir alle haben zu schätzen gewusst, als unsere Bewegung hier in Berlin noch außerordentlich klein war, mit welcher innigen Treue und mit welchem tiefen Herzensverständnis die beiden an der Bewegung hingen und an der Entwicklung der Bewegung teilnahmen. Die Baronesse Nelly Lichtenberg trug diese treue Seele in einem Körper, der ja außerordentliche Schwierigkeiten für das äußere Leben bereitete. Aber diese Seele fand sich eigentlich mit allem in einer wunderbaren Duldergesinnung zurecht, einer Duldergesinnung, die sich verband mit einer gewissen inneren beseeligten Freudigkeit im Aufnehmen des Spirituellen. Und diese Duldergesinnung, verbunden mit dieser inneren Freudigkeit, durchwärmt von einer Zuversicht für das seelische Leben, auf welchem Plane immer sich in der Zukunft dieses seelische Leben entfalten möge, das alles traf man bei der nunmehr Verstorbenen auch an ihrem letzten Krankenlager in Stuttgart, wo ich sie durchaus in dieser Seelenstimmung und Seelenverfassung bei meinen letzten Besuchen gefunden habe. Es ist ja Ihnen allen klar, dass derjenige, der irgendwie mitwirken kann zur Gesundung eines Menschen, alles tun muss, um diese Gesundung nach seinen Kräften herbeizuführen; aber Sie wissen ja auch alle, wie das Karma wirkt, und wie es zuweilen eben unmöglich ist, eine solche Gesundung herbeizuführen. Es war gewissermaßen durchaus schmerzlich, nur in die Zukunft zu sehen, wenn man die Leidende in den letzten Wochen vor sich hatte. Aber über alles das führte ihre auch für die geistige Welt so außerordentlich hoffnungsvolle Seele sie selbst und die, welche mit ihr auch in den letzten Zeiten zu tun hatten, hinweg. Und so darf man sagen, dass gerade in der mit ihr von dem physischen Plan hinweggegangenen Seele eine solche hier auf Erden lebte, welche Anthroposophie in wahrem Sinne des Wortes aufgenommen hatte — so aufgenommen hatte, dass diese Anthroposophie nicht bloß eine theoretische Weltanschauung, eine Verstandesbefriedigung oder auch eine leichte Empfindungsbefriedigung war, sondern der ganze Inhalt ihres Lebens, die Gewissheit ihres Daseins war. Und mit diesem Inhalt ihres Lebens und mit dieser Gewissheit ihres Seelendaseins ist sie ja auch von diesem physischen Plan hinweggegangen. An uns ist es, namentlich an denjenigen, die so viele von den Stunden hier im physischen Dasein, die der Mensch zuzubringen hat, mit ihr im gleichen geistigen Streben durchgemacht haben — an uns ist es, unsere Gedanken zu ihrem Seelendasein hin zu richten. Und das wollen wir denn treulich tun! Sie soll oft in der Fortsetzung ihres Daseins in einem anderen Gebiete unsere Gedanken durch unseren Willen mit ihren Gedanken vereinigt finden, und sie wird immer, auch in ihrem ferneren Seelendasein, ein treuer Mitgenosse unseres geistigen Strebens sein. Dessen können wir gewiss sein. Und dass wir ihr dieses versprechen, dass wir unsere Gedanken kraftvoll zu ihr hinlenken wollen, zum Zeichen dessen, um sie zu ehren, wollen wir uns von unseren Sitzen erheben.

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