Zu den vier Grundsätzen
## GA 265
### Zu den vier Grundsätzen
«Lerne schweigen ...»
Instruktionsstunde Berlin, 26. Juni 1906[^1]
Es zerfallen in der Maurerei die Zusammenkünfte in solche, in denen unter vollständiger Herstellung des Rituals gearbeitet wird, und in solche, die sich mit der Instruktion befassen, die als Skelett der ganzen Maurerei zugrundeliegt und über Dinge belehrt, die jeder Okkultist als Mittelpunkt des okkulten Wesens sich tief in die Seele schreiben sollte.
Meistens macht man sich ganz falsche Vorstellungen von dem, wie man in die okkulte Welt eindringt (eintritt). Es gibt ja eine ausgedehnte Literatur darüber, aber von den wirklich tiefen okkulten Dingen ist doch nie etwas verraten (veröffentlicht) worden; davon findet man nichts darin. Das Wichtigste ist doch nie veröffentlicht worden. Daher wird in der Regel nach der Lektüre solcher Bücher Unzufriedenheit entstehen.
Die eigentlichen Intimitäten sind als Zeichen dargestellt worden. Sie haben nur für denjenigen Wert, der sie von innen heraus zu beleben weiß. Die meisten wenden ihre Lehrzeit im Okkultismus schlecht an, weil sie glauben, man könne (auch) durch äußere Zauberei in die okkulte Welt eindringen.
Es gibt Zeiten, in denen es besonders gefährlich ist, durch äußere Zauberei in die okkulte Welt einzudringen. Dies war der Fall in der atlantischen Zeit, in deren vierter Unterrasse, bei den Urturaniern. Da entwickelte sich die eigentliche schwarze Magie. Deshalb mußten die Priester einen Teil der Weisheit geheimhalten. Die andere Epoche ist unsere heutige Zeit. Wir sind die fünfte Unterrasse in der arischen [nachatlantischen] Epoche. Alle äußeren Mittel sind heute eher dazu geeignet, die Menschen herunterzubringen. Daher ist es nötig, daß heute sich eine Anzahl von Menschen bekannt macht mit den intimen Wegen, die in die geistige Welt führen.
Wenn der Mensch gewahr werden soll, welches die richtigen Mittel sind, um in die geistige Welt zu kommen, muß er erst die Hindernisse kennen. Vier Grundsätze muß er kennen (lernen), um durch die Vermeidung der Hindernisse in die geistige Welt zu kommen.
Der erste Grundsatz lautet:
Was du mit Worten ausgesprochen hast, darüber hast du in deiner tiefsten Seele die Macht verloren.
Also das beste Mittel, die Kraft zu verlieren, ist: viel zu reden. Daher hat man in den Brüderschaften früher überhaupt nicht von okkulten Kräften geredet. Wer viel darüber redet, verliert einen Teil der Kraft, die er sucht. Daher die Macht des Schweigens. Wenn der Mensch schwätzt, muß er sich’s wohl überlegen.
Den Teil der Macht haben die Brüderschaften heute hingegeben, der in den Lehren der Theosophie liegt. Warum nun können heute gewisse Dinge mitgeteilt werden? Vor dem Jahre 1879 wäre das nicht möglich gewesen; damals hat sich aber etwas entschieden, was es ermöglichte.[^2] Vor 1879 hätte es bedeutet, daß überhaupt die okkulten Brüderschaften zerfallen wären, wenn nichts sonst geschehen wäre. Für den Teil, der mitgeteilt worden ist, sind sie auch zerfallen. Sie müssen etwas im Hintergrund haben, was sie noch nicht mitteilen, etwas Neues, Höheres.
Stellen Sie sich vor, was für ein Kraftreservoir Sie sich anhäufen durch die Dinge, die Sie verschweigen. Daher muß es bei einer Mitteilung sein wie eine Art Resignation, wie ein Opfer; denn soviel der Mensch mitteilt, so viel sägt er von dem Ast ab, auf dem er sitzt. Die Stimmung muß sein fern, ganz fern von jedem Fanatismus oder Mitteilungsbedürfnis. Solange Sie dies Bedürfnis haben, bedeutet es eine Schwächung Ihres Kraftreservoirs. Wer propagandistisch als Agitator auftritt, verfehlt das ganze Ziel, das er sich selber steckt.
Die theosophische Bewegung besprechen wir Maurer ganz objektiv. Sie ist die erste, die agitatorisch aufgetreten ist. Wenn jemand die Lehre, den Begriff der Lehre so inne hat, daß sie in ihm nicht bloß fest sitzt, sondern in seiner Seele brodelnd wird, so ist sie für ihn kräfteweckend. Wer von einem solchen Buche, wie es die «Geheimlehre» von H.P.B. [H.P.Blavatsky] ist oder von meiner «Theosophie» nicht das Gefühl hat, so durchrüttelt zu werden, daß es wie Feuer wirkt, der muß es nochmals lesen und immer wieder lesen, bis er es ganz inne hat, und wenn er es hundertmal und mehr lesen
So ist es mit den theosophischen Lehren, die - trotzdem sie so notwendig sind, weil ohne sie die Kultur nicht weitergehen könnte, weil die Kultur sie braucht - deshalb auch so gefährlich sind, wenn sie öffentlich verkündet werden in Versammlungen und so weiter, weil dort Reife und Unreife zusammensitzen. Diese Gefahr muß aber sein; man kann die Kultur nicht weiterbringen, ohne daß sie Opfer fordert. Aber Vorsicht müssen wir pflegen, den Leuten nicht Dämonen ins Ohr setzen und jeden Satz so dämpfen, daß er nicht eine feurige Kraft wird.
Okkultisten gibt es heute und hat es immer in der Welt gegeben. Hat jemand früher zu ihnen kommen wollen, war es immer wie durch einen Zufall. Aber Zufall gibt es natürlich nicht. Aber man reiste auch wochenlang, um einen solchen zu sehen und zu befragen. Das war ein ganz anderes Verhältnis als heute, wo die okkulten Lehrer vor die Menschen hintreten oder zu ihnen reisen.
Das war ein Teil seiner Kraft, zu wissen: Was du mit Worten aussprichst, das hast du an Macht verloren. - Es handelt sich darum, das Reden von diesen Dingen zu einem Opferdienst zu machen; dann aber wächst die Kraft. Nichts ist besser für den Okkultisten, als wenn er sich gewöhnt, viel zu schweigen. Kaffeeklatsch und Dämmerschoppen, wollüstig dem Reden frönen, veranlaßt auf dem Astralplan Dämonen, Unzucht zu treiben. Wer hellsehend ist, kann das schauen, und von einem hohen Gesichtspunkte aus ist dies viel schlimmer als hier auf dem physischen Plan Unzucht zu treiben. Die Sprache ist heute ein Mittel geworden zur Zerstörung des menschlichen Fortschritts. Wenn Sie bedenken, was gelesen wird bloß zum Zwecke, sich befriedigen zu können - diese zahllosen Erzeugnisse moderner Dichter und Dichterinnen (Dichterianer) -, so können Sie sich sagen, was an zerstörenden Kräften in der Welt ist. Heute wäre der größte Fortschritt zu erzielen dadurch, daß man weniger liest und druckt.
Der zweite Grundsatz ist der, daß man den Willen ertötet durch das, was man an Macht hat. Nehmen Sie an, irgend jemand tritt heute auf mit einer bedeutenden Absicht. Er kommt aus einem einsamen Winkel der Welt, steht mit niemandem in Beziehung und versucht, auf einem fremden Schauplatz eine Tat zu vollbringen. Er hat gar keine Macht, aber sein Wille ist am mächtigsten. In einem Machtbereich wird der ursprüngliche Wille gelähmt, weil er ihm dann rasch (schon vorher) abgestumpft wird. Vom okkulten Standpunkt hat derjenige, der am meisten Macht in der äußeren Welt hat, am meisten Lähmung im innerlichen Willen. Deshalb zieht ein Okkultist es vor, lieber mit einem dreiknotigen Strick durch die Welt zu ziehen, als ein König zu sein. Niemand, der die Machtlosigkeit errungen hat, würde tauschen mit einem, der ein großes Reich zu befehligen hat. Denn würde er etwas anderes tun als was diesem Reiche frommt, würde er Unsinn machen. Wer ein großes Vermögen hat, muß es verwalten; er ist gehemmt in bezug auf seinen Willen. Was er an Macht hat, schädigt seinen Willen.
Ein schönes Beispiel von dem, was man auf diese Weise erreichen kann, bietet der Engländer Oliphant.[^3] Er war ein sehr, sehr reicher Mann und warf alles, was er besaß, hin; gab es zu wohltätigen Stiftungen etc. und zog arm nach Amerika, wo er sich mit seiner Hände Arbeit sein Brot verdiente. Als er sich nun etwas zusammengespart hatte, zogen er und seine Frau an den Berg Karmel und bauten sich da eine Hütte. Da fing er an, seiner Frau zu diktieren, und sie schrieb die wunderbarsten Sachen [nieder] - die man lesen kann -,[^4] die ihm aus der geistigen Welt zuflossen. Dann starb seine Frau. Nun versuchte er selbst zu schreiben. Aber das ging nur, wenn er sich in die Hütte setzte, die er mit seiner Frau bewohnt hatte.
Hier wurde ein eigenartiger spiritueller Akt erzeugt, der als Folge des Hinwerfens der weltlichen Macht auftrat. Man verliert den Willen durch die äußere Macht, und man gewinnt um so mehr an Willen, je weniger Macht man hat.
Der dritte Grundsatz lautet: Man verliert um so mehr an innerem Leben, als man will. Der Wille ertötet das Leben. Soviel wie man will, so viel stirbt an innerem Leben ab, so daß jedes Ding, was wir wollen, zugleich ein Hindernis ist für unser inneres Leben, unsere geistige Entwickelung. Daher wird es nötig sein, die Gesinnung zu entwickeln, sich in seinem Willen auf das zu beschränken, was die Welt von uns fordert; nicht aus innerem Drang heraus [zu wollen). Im okkulten Leben kommt man vorwärts, wenn man das Wollen auf das Notwendigste beschränkt. Von nichts werden Sie mehr haben, als wenn Sie das Wollen bewußt unterdrücken, aus gar keinem anderen Grund, als weil Sie das Wollen unterdrücken können. Wir müssen aber lernen, da, wo wir ein Wollen unterdrücken, nicht unsere Pflichten zu unterlassen.
Der vierte Grundsatz ist, daß das innere Leben durch das Fühlen und Empfinden den Gedanken ertötet. - Wenn Sie leicht großen Schmerz und große Freude empfinden, je mehr Sie dieses innere Leben entwickeln, desto mehr ertöten Sie die Reinheit des Gedankens. Wer objektiv denken will, muß das innere Leben richtig ausschließen. Jeder Ausfluß des inneren Lebens ertötet uns die Reinheit des Gedankens.
Will man den Gedanken im rein Geistigen haben, muß man das innere Leben ertöten. Wer das Leben haben will, muß den Willen ertöten. Wer die Kraft des Willens haben will, muß die Macht ertöten.
Wer die Macht haben will, muß das Reden ertöten. Um hellseherische Gedanken zu haben, müssen wir wie ein seliger Gott über Lust und Leid schweben. Um die Willensentschlüsse zu regulieren, müssen wir die Macht abwerfen, und um die Macht entsprechend zu regulieren, müssen wir schweigen lernen.
Beim Freimaurer besteht die erste okkulte Schulung darin, daß er im Innern mit sich zu Rate geht, wie er die vier Sätze erfüllen kann:
Erstens: Lerne schweigen, um mächtig zu sein.
Zweitens: Lerne wollen, indem du dich der Macht begibst.
Drittens: Lerne fühlen, indem du dich des Wollens begibst.
Viertens: Lerne denken, indem du dich des Fühlens begibst.
Über diese Sätze muß man nachdenken und darüber, welche Möglichkeiten es im eigenen Leben gibt, um diese Dinge zu verwirklichen.
Diese Sätze gehören zum Verständnis des Pentagramms:

Die fünf Zacken entsprechen okkult so gewissen Dingen, daß sie bedeuten, was der Mensch wird, entweder bei Beobachtung dieser Grundsätze oder durch die Entwickelung. Dieses Pentagramm wird so viel wie ein Schlüssel zur okkulten Welt werden, wenn es gebraucht wird.
Niemand braucht an die Figur zu denken, wenn er sich im Sinne der vier Sätze entwickelt. Wenn der Mensch begriffen hat, was in den vier Sätzen liegt, dann wird das eine Hieroglyphe und bedeutet so viel wie den (bedeutet einen wirklichen) Schlüssel zur geistigen Welt.
Wenn man angefangen hat, Schweigen zu lernen, ist eine zweite Hieroglyphe, die man zu verstehen anfängt, das Hexagramm:

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[^1]: Dr. Rudolf Steiner seit Anfang Januar ständig auf Reisen war, könnte es sich hier um die erste Instruktionsstunde gehandelt haben. Ob damals auch das Ritual stattfand, ist nicht bekannt. Die in runden Klammern stehenden Einfügungen sind Varianten aus den verschiedenen Textvorlagen.
[^2]: In drei verschiedenen Textvorlagen heißt es «1879», in einer andern «1875». Richtig dürfte «1879» sein, denn 1875 ist zwar das Gründungsjahr der Theosophischen Gesellschaft, aber gemeint sein dürfte vielmehr das Ereignis in der geistigen Welt: der Sturz der Geister der Finsternis im Jahre 1879. Siehe hierzu «Die spirituellen Hintergründe der äußeren Welt. Der Sturz der Geister der Finsternis», GA 177.
[^3]: Laurence Oliphant, 1829-1888. Englischer Diplomat, Schriftsteller, Journalist. Biographie von Margaret Oliphant: W. Oliphant «Memoir of the life of Laurence Oliphants, London 1891.
[^4]: Es entstanden die beiden Werke «Sympneumata» (1885) und «Scientific Religion» (1888). Vgl. auch Vortrag London, 24. August 1924, in GA 240.
Cite:
GA 265/the_four_principles · edition original