Aus den Inhalten der esoterischen Stunden — München, 1907-12-05
## GA 266/1 — 1907-12-05, München
München, 5. Dezember 1907 Es ist immer gut, zu Beginn einer esoterischen Stunde sich klar zu werden darüber, was eigentlich eine esoterische Stunde bedeutet. Das, was wir in einer solchen Stunde behandeln, unterscheidet sich stofflich eigentlich nicht von dem, was wir in einer exoterischen Stunde hören. Auch alles das, was in einer exoterischen Stunde erklärt wird, steht unter dem Einflusse jener hohen Wesen, die wir die Meister der Weisheit und des Zusammenklanges der Empfindungen nennen. Aber das, was wir in einer esoterischen Stunde erleben, steht unter dem ganz direkten Einfluß der erhabenen Meister und wird nur unter ihrer unmittelbaren Einwirkung und unter völliger Verantwortung vor ihnen mitgeteilt. Darum kommt es weniger darauf an, was wir dem Stoffe nach in einer esoterischen Stunde zu hören bekommen, als vielmehr darauf, daß unsere Seelen etwas erleben. Wie die Seele sich verhält zu dem, was ihr da entgegenfließt an geistigen Strömungen, darauf kommt es an. Die Seelenstimmung vor und nach einer esoterischen Stunde muß ganz verschieden sein. Und es ist gar nicht wesentlich, ob die Seele das in einer esoterischen Stunde Erlebte auch immer gegenwärtig hat, aber sie muß das Gefühl haben, etwas erlebt, etwas mitgenommen zu haben. Es muß so sein, wie wenn eine Elektrisiermaschine einmal mit Elektrizität geladen ist und ein andermal nicht. So wie man seinen Namen weiß, so muß man das in der esoterischen Stunde Empfangene in der Seele tragen. Nicht wahr, den Namen weiß man, sobald man danach gefragt wird, auch wenn man ihn sich nicht immer wiederholt. So muß auch der Strom esoterischen Lebens immer in der Seele ruhen. Das esoterische Leben wird dann unsere Seele immer mehr und mehr vertiefen, und das ist nötig für die kommende Zeit. All unsere Kultur hat ihren Ursprung in der geistigen Welt. Da werden die Pläne gestaltet, nach denen sich dann unser Leben auf
dem physischen Plane abspielt. Hier unten sehen wir nur, wie nach physischen Gesetzen ein Geschehnis nach dem andern sich abrollt, aber die großen geistigen Ursachen bleiben uns zunächst verborgen. Die Ereignisse der höheren Plane unseres Daseins sind es, die erst die physischen Ereignisse bewirken. Machen wir das uns einmal ganz klar und nehmen wir ein Beispiel. Ein besonders wichtiges Ereignis fand im Jahre 1879 auf dem Astralplan statt und zwar im November. Von diesem Zeitpunkte an nahm das esoterische Leben eine ganz andere Richtung, sehr unterschieden von den vorhergehenden Zeiten. Die esoterische Strömung, die seit dem 14. Jahrhundert in der Menschheit lebte, wurde da abgelöst von einer neuen solchen Strömung. Das esoterische Leben vom 14. Jahrhundert bis zum November des Jahres 1879 verlief ganz anders als dasjenige zu unserer Zeit. Damals spielte sich alles okkulte Leben in der größten Stille und Verborgenheit vor der Außenwelt ab und reifte in aller Abgeschiedenheit jenem Jahre 1879 entgegen unter der Führung eines hohen geistigen Wesens, des Erzengels Gabriel. Gabriel bedeutet Verkündigung, Vorausverkündigung. Darum hat der Erzengel Gabriel auch in den Evangelien die Rolle des Verkünders. Unter seiner Leitung reifte das geistige Leben in aller Stille und wohlbehütet und geborgen heran, wie das Kind im Mutterleibe. Und im November des Jahres 1879, da fand dann auf dem astralen Plane etwas ganz Ähnliches statt wie eine Geburt. Das, was langsam herangereift war seit dem 14. Jahrhundert, durfte nun in freierer Weise hinausgetragen werden in die Welt, wenn auch nur für eine Minderzahl von Menschen. Denn die Herrschaft des Gabriel wurde abgelöst durch einen anderen Erzengel, unter dessen Leitung wir jetzt stehen, durch den Erzengel Michael. Er ist die strahlende Sonne, die die esoterische Weisheit hinausleuchten läßt in eine kleine Schar von Menschen. Unter der Herrschaft des Gabriel blieb sie im Verborgenen, und im äußeren Leben entwickelte sich der Materialismus. Doch wir sollen den Materialismus nicht als etwas Böses ansehen, denn er ist miteinbegriffen im göttlichen Schöpfungsplan und hat Zweck und Bestimmung im Weltganzen. Aber nun ist die Zeit gekommen unter Michaels strahlender Führung, in der die esoterische Sonne hell leuchten soll. Denn die finsteren Kräfte des Materialismus nehmen überhand. Die Strahlenherrschaft Michaels wird wiederum abgelöst werden von einem finstern, schrecklichen Zeitalter, das ums Jahr 2400 seinen Anfang nimmt. Schon heute hat zugleich mit Michael ein finsterer Gott seine Herrschaft angetreten: der Gott Mammon. Der Mammon ist für den Okkultismus nicht nur der Gott des Geldes. Er ist vielmehr der Führer aller niedrigen, schwarzen Kräfte. Und seine Heerscharen greifen nicht nur die Menschenseelen an, sondern auch die physischen Leiber der Menschen, um sie zu zerfressen und zu verderben. Man redet heute nicht deshalb so viel von Bazillen, weil man mehr davon weiß, sondern deswegen, weil sie wirklich heute eine ganz besondere Gestalt angenommen haben. Und in Zukunft werden sie in erschreckender Weise überhandnehmen. Wenn jenes schwarze Zeitalter naht, dann werden Bruderzwist und Bruderkrieg in grauenvoller Weise wüten, und die armen Menschenleiber werden in furchtbarer Art von Krankheiten und Seuchen befallen dahinsiechen. Das Brandmal der Sünde wird für jedermann sichtbar den Menschenkörpern aufgedrückt sein. Dann hat ein anderer Erzengel die Herrschaft: Oriphiel. Er muß kommen, um die Menschen aufzurütteln, durch grausame Qualen aufzurütteln zu ihrer wahren Bestimmung. Und damit das in richtiger Weise geschehen kann,
muß heute schon ein kleines Häuflein Menschen vorbereitet werden, damit es dann in vier- bis sechshundert Jahren im schwarzen Zeitalter das esoterische Leben verbreiten und die Menschheit leiten könnte. Wer heute unter Michaels Herrschaft den Drang in sich fühlt, mit teilzunehmen am geistigen Leben, der ist berufen, dem Erzengel Michael zu dienen und unter ihm zu lernen, damit er einst reif sei, auch dem furchtbaren Oriphiel in rechter Weise zu dienen. Ein Opfer wird verlangt von denen, die sich einem höheren Leben weihen wollen. Nur unter der Voraussetzung soll man das geistige Leben empfangen und die Erweckung erleben wollen, wenn man dafür später sich selbst, seinen Willen, alles nur im Dienste der Menschheit anwenden will. In vier- bis sechshundert Jahren wird das Häuflein Menschen, das heute dazu vorbereitet wird, dem Gotte Oriphiel dienen, damit die Menschheit errettet werde. Wenn in jenem Zeitalter solche Menschen die geistige Führung übernehmen wollten, die nicht vorbereitet worden sind, standzuhalten in allen Stürmen und Trotz zu bieten den Scharen des Mammon, so würden sie nicht in der richtigen Weise dem Erzengel Oriphiel dienen können, und die Menschheit würde nicht aus ihrem Elend emporgehoben werden. Damit dies aber geschehe, müssen wir heute mit allem Ernste arbeiten, um unsere Aufgaben dann in rechter Weise erfüllen zu können. Aber wenn die finsteren Mächte am schrecklichsten wüten, so leuchtet auch das hellste Licht. Schon einmal hat Oriphiel seine Herrschaft innegehabt. Das war zur Zeit, als der Christus auf Erden erschien. Damals herrschten überall auf Erden schlimme Mächte des Verfalls und der Dekadenz. Und nur mit grausamen Mitteln konnte das Menschengeschlecht emporgerüttelt werden. Oriphiel wird der Engel des Zornes genannt, der mit starker Hand die Menschheit reinigt. Einen tiefen Sinn hat die Erzählung der Bibel, daß Christus die Geißel schwingt, um den Tempel von den Wechslern zu reinigen. Damals, als es am dunkelsten war auf Erden, erschien der
Christus als Retter der Menschheit. 109 Jahre nach Christi Erscheinen war die Herrschaft Oriphiels zu Ende und ward abgelöst durch Anael. Dann folgte Zachariel, dann Raphael. Zur Zeit der Renaissance herrschte Samael, vom 16. Jahrhundert ab bis zum November 1879 Gabriel. Dann trat Michael die Herrschaft an, und um das Jahr 2400 wird wiederum Oriphiel, der furchtbare Engel des Zorns, die Leitung übernehmen. Und wie einst wird dann auch das geistige Licht hell und strahlend in die Dunkelheit leuchten: der Christus wird wiederum auf Erden erscheinen, wenn auch in anderer Gestalt als damals. Ihn zu empfangen, Ihm zu dienen, dazu sind wir berufen. Wenn Ihr, meine Schwestern und Brüder, das, was Euch so an geistigem Leben in die Seele strömt, in Euch leben laßt, so daß es nachklingt in Euren Meditationsformeln, dann habt Ihr die rechte Frucht. Ihr sollt das Empfangene nachwirken, nachklingen lassen in Euren Meditationen. Während Ihr das tut, strömen die geistigen Mächte der Welt in Euch ein. Die Welt ist immer durchflossen von geistigen Strömungen, die ausgehen von den großen Meistern der Weisheit und des Zusammenklanges der Empfindungen. Die Meister gießen fortwährend Ströme der Liebe und Weisheit über die Menschheit aus, aber die: Seelen der Menschen sind nicht immer bereit und geöffnet, aufzunehmen. Die Meditationsworte aber sind Zauberworte, die die Pforten der Seele öffnen, damit das göttliche Leben einziehen kann. Darum soll man auch nicht bloß mit dem Verstande über seine Meditationsworte spekulieren, sondern die Seele für höhere Kräfte, als die bloßen Verstandeskräfte sind, öffnen Wenn man mit dem Verstande darüber nachspekuliert, so treten nur die Kräfte in Tätigkeit, die schon in einem darinnen sind. Aber höhere Kräfte sollen wach werden. Man soll an seinen! Meditationsworten nicht Rätsel lösen wollen, sondern sich von ihnen Rätsel lösen lassen. Denn sie sind viel weiser, als der Verstand je sein kann. Darum soll man sie ganz auf sich wirken lassen und aufnehmen, was sie hineinfließen lassen in die Seele, sie ganz leben lassen in der Seele.
Die Meditationsworte sind nicht ausspekuliert, sondern herausgeboren aus den Gesetzen der geistigen Welt. In jedem Vokale lebt etwas ganz Besonderes. Die Vokale haben einen bestimmten Klangwert, und nicht ein jeder hat denselben. Und ebenso wie die Seele die Wirkung der Klänge empfindet, so soll sie sich auch den Bildern hingeben, die ihr die Worte vermitteln. Bei der Meditation sei man so weit als möglich vom abstrakten Vorstellen entfernt, sondern man bemühe sich, möglichst konkret zu denken. Nehmen wir einmal eine Meditationsformel, die Ihr fast alle kennt: «In den reinen Strahlen ...» Bei der ersten Zeile: In den reinen Strahlen des Lichtes kann man sich etwa vorstellen mattglänzendes Mondenlicht, das darstellt das sanfte Licht der Gottheit, die die Schöpfung durchflutet. Ganz deutlich und innig soll diese Vorstellung in der Seele leben bei den Worten: In den reinen Strahlen des Lichtes Erglänzt die Gottheit der Welt. Dann folgen die Zeilen: In der reinen Liebe zu allen Wesen Erstrahlt die Göttlichkeit meiner Seele. Nun sucht man mit seiner Liebe das sanfte Mondenlicht ganz zu durchdringen, es in sich hineinzugießen, so daß durch die Wärme der eigenen Liebe das milde Licht zu erstrahlen beginnt, und man fühlt in den Strahlenfluten die Gottheit in der eigenen Seele erglühen. Bei den folgenden Worten: Ich ruhe in der Gottheit der Welt,
sucht man sich vorzustellen, daß man ganz vom göttlichen Geiste umflossen sei. Man kann sich fühlen wie in einem lauen Bade, ganz eingebettet von göttlicher Substanz, die wie ein mildes, laues Bad den ganzen Menschen umfängt. Ich werde mich selbst finden In der Gottheit der Welt: Man mag bei diesen Worten denken an einen fernen Leuchtturm, der zu einem herüberstrahlt, und sich mit dem Gefühl durchdringen, daß man sein eigenes Selbst im Göttlichen finden werde. Aber nicht nur die Bilder, die während der Meditation in der Seele leben, ziehen uns zum Göttlichen hinan und öffnen die Pforten der Seele. Auch in die Vokale ist eine tiefe Weisheit und hohes göttliches Leben hineingelegt. Es ist nicht gleichgültig, welche Vokale in der Seele erklingen. Nehmen wir einmal den Vokal i. Das i drückt immer aus ein Zentralisieren, ein Streben nach dem Mittelpunkte, dem Zentrum. Ganz etwas anderes bedeutet das a. Es ist der Ausdruck der inneren Anbetung des Göttlichen. Das i strebt hin zum Mittelpunkte des Alls, das a dagegen bleibt entfernt und neigt sich in Anbetung vor dem Heiligsten. Betrachten wir nun daraufhin unsere Formel: In den reinen Strahlen des Lichtes Im ersten i strebt die Seele hin zum göttlichen Zentrum, im a weicht sie anbetend zurück, und im zweiten i eilt sie wiederum dem Göttlichen entgegen. In der zweiten Zeile haben wir das ä: Erglänzt die Gottheit der Welt Das ä stellt dar ein abgeschwächtes a. Die anbetungsvolle Hingabe des a verwandelt sich im ä zu scheuer Ehrfurcht. In heiliger,
scheuer Ehrfurcht wagt der Mensch nicht, dem Gotte zu nahen. Im nachfolgenden ο aber eilt die Seele hin, um das Göttliche ganz zu umfassen mit heiliger Liebe und Innigkeit. Das ο drückt immer das liebevolle Umfangen aus. Die folgende Zeile: In der reinen Liebe zu allen Wesen Da führt das i die Seele wieder unmittelbar ins göttliche Zentrum. Dann wird im a: Erstrahlt die Göttlichkeit meiner Seele die Seele wieder ganz Anbetung. Und wie die scheue Ehrfurcht des ä in der zweiten Zeile sich wandelte in ein inniges Umfangen des Göttlichen, so schwächt sich in der vierten Zeile die volle warme andächtige Anbetung des α ab in ein scheues Umfangenwollen, das kaum wagt, die Gottheit zu berühren: ö. In der fünften Zeile: Ich ruhe in der Gottheit der Welt herrscht das u vor. Es drückt immer ein Ruhen, ein Eingebettetsein aus. Nun ist die Seele in seliger Ruhe mit dem Göttlichen in eins verschmolzen. In den beiden letzten Zeilen kehrt immer das i wieder: Ich werde mich selbst finden In der Gottheit der Welt Die Seele wird zum Schlusse immer tiefer in das göttliche Zentrum der Welt hineingeführt. Dies ist ein Gesichtspunkt, wie man die Formel verstehen kann, und ein kleiner Teil der tiefen Weisheit, die darin ruht. Es wäre verwirrend, wollte ich Euch mitteilen, was für tiefe Geheimnisse noch darin verborgen sind. Kein Buchstabe und kein Zeichen ist darin, das nicht einen tiefen, tiefen Sinn enthielte. So hat das göttliche Schöpfungswort geklungen, als es einst das All entstehen ließ. Ihr hörtet es einst erklingen, aber Eure Seelen waren sich dessen noch nicht bewußt. Damals stiegt Ihr herab aus dem Geiste, und Ihr werdet dahin zurückkehren in vollem Bewußtsein. Aus dem Geiste geboren, im irdischen Leibe lebend, werdet Ihr durch die Kraft des Geistes zurückkehren zum göttlichen Geiste der Welt. i - Hinstreben zum Zentrum a - Anbetung ä - scheue Ehrfurcht o - Umfangen ö - scheue Berührung u - Ruhen in Gott
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