Aus den Inhalten der esoterischen Stunden — Berlin, 1908-04-12
## GA 266/1 — 1908-04-12, Berlin
Berlin, 12. April 1908 Aufzeichnung A In den frühen Entwicklungsstufen besaß der Mensch spirituelles Schauen und Erkennen. Sein Körper war eine Art Ruhestätte für ihn, in der er schlafen und sein Bewußtsein verlieren konnte, während er darin sich aufhielt. Als die Wesenheit immer mehr bewußt im Physischen wurde, nahm das spirituelle (geistige) Schauen und Erkennen ab. Als schließlich der Mensch interessiert wurde für die Dinge um ihn her, für die physischen Erscheinungen, und als sein Bewußtsein im Physischen war, ging das geistige Schauen und Erkennen ganz verloren. Wenn der Mensch nicht solches Interesse für das Physische bekommen hätte, für die Außenwelt, dann würde das Physische für ihn nicht ein so dichter Schleier geworden sein; es würde durchsichtiger sein, und er würde fähig sein, spirituelle Dinge zu erkennen und zu sehen. Durch das Interesse für die materielle (stoffliche) Umgebung breitete sich vor seinem Blick ein Schleier aus, den er nicht leicht durchdringen kann. Dieses Interesse für die äußeren sinnlichen Erscheinungen wird im Okkultismus «Aestimatio» genannt, und es heißt, die «Aestimatio» sei ein Gift, welches den Tod bringt. Sie nimmt das Bewußtsein von der fortgesetzten Existenz des Ich hinweg und bringt so das Bewußtsein von Geburt und Tod mit sich. Sie löscht aus das Bewußtsein des Ich oder die Erinnerung an das Weiterleben. Das Bewußtsein darf nicht ganz der Außenwelt entzogen werden, sonst würde es nicht die Essenz mitnehmen von dem, was es durch die äußeren Erfahrungen gewinnt. Eben dasselbe ist der Fall bei der Imagination. Sie darf nicht absolut untätig sein, sondern der Mensch muß fähig sein, sein Bewußtsein auf die Handlung oder ein Bild zu richten, wie er will (willkürlich). Der Mensch würde nicht fähig sein, seine Hand zu erheben, wenn er sich das nicht in Gedanken bildlich vorstellen könnte, es imaginieren könnte. Wenn er seine Hand erhebt, so sind gleichzeitig vorhanden das Bild und die Handlung. Wenn er anfängt, sich Bilder vorzustellen, zu imaginieren, ohne eine Handlung auszuüben, das heißt, wenn er sein Bewußtsein mit dem vorgestellten Bilde verbindet, dann wird er die Kraft wiedergewinnen, geistige Dinge zu schauen; er wird dann das Astrale wieder sehen können. Diese Stufe heißt «Imago». Wenn die Seele vollkommenen Frieden oder Stille erreicht, so daß sie ihren vollkommenen Frieden behält, was für äußere Erfahrungen auch an sie herantreten mögen, dann wird das Bewußtsein fähig sein, den Schleier der «Harmonie der Sphären», der Sphärenmusik zu durchdringen. Das heißt «Transmutatio» durch Inspiration, oder «Incantatio». Als die Drüsen auf der Sonne gebildet wurden, geschah das durch einen ähnlichen Prozeß wie den, welcher sich abspielt in unserem Körper, wenn jemand an eine Speise denkt und das veranlaßt, daß die Speicheldrüsen und Drüsen der Zunge Speichel absondern. In derselben Weise wurden die Drüsen dem physischen Körper einverleibt bei den sich entwickelnden Wesenheiten auf der Sonne durch die höheren Wesenheiten, die sozusagen die Umgebung schmeckten und die Drüsensubstanz absonderten, die von den physischen Leibern aufgenommen wurde. Die Drüsen über den Nieren, die mit diesen verbunden sind, sondern eine Substanz ab, welche erforderlich ist für den Aufbau der Knochen. Die Pankreas ist da, um den Zucker in Substanzen umzuwandeln, die für die Ernährung des Körpers erforderlich sind. Die Absonderung der Drüsen ist ein Prozeß, der durch seelische Vorgänge herbeigeführt wird. Als der Mensch im astralen oder Bilderbewußtsein lebte, als sein Geist willkürlich in die geistigen Reiche sich begeben konnte, blieben einige Wesenheiten auf dieser Stufe stehen. Diese Stufe blieb sozusagen kristallisiert in ihnen, und die Vögel stellen dies dar in einer kristallisierten Form; die Vögel, welche solch ein wunderbares Auge haben, wie zum Beispiel der Adler, haben das astrale Sehen kristallisiert. Die Säugetiere kristallisierten die
Stufe, als der Mensch versuchte, die Bewegungen seines Körpers zu beherrschen. Diese Tiere haben das nur zum Teil erreicht und blieben daher auf einer tieferen Entwicklungsstufe stehen. * Aufzeichnung Β Wodurch ist der Mensch abgetrennt von der Wahrnehmung der geistigen Welt? So, wie der Mensch heute vor uns steht mit Ich, Astral-, Äther- und physischem Leib, war er nicht immer. Erst nach und nach hat sich das herausgebildet. Das Ich des Menschen, das jetzt in den drei Hüllen lebt, war früher außerhalb derselben. Es war ganz in den geistigen Welten, es nahm nicht wie heute durch das Mittel der drei Körper eine physische Außenwelt wahr, sondern es nahm wahr die geistige Welt und ihre Wesenheiten. Es war selbst eine geistige Wesenheit und lebte mit geistigen Wesenheiten in dieser geistigen Welt. Die äußere physische Welt bildete sich ja erst nach und nach; soviel von ihr da war, war noch nicht für das Ich da. Geburt und Tod gab es noch nicht. Im Verlaufe des Verdichtungsprozesses der Erde entstanden dann zuerst leichte, feine Körperlichkeiten. Diese geistige Wesenheit Mensch, das heißt, dieses Ich, empfand das Ablegen seines Körpers oder das Erhalten eines anderen ebenso, wie wenn man einen Rock an- und auszieht. Das Bewußtsein dieses geistigen Menschen änderte sich nicht dadurch. Er blickte zurück in dem Zustande vor dem Hineinsteigen in einen neuen Körper, so daß er fühlte: dieser Körper ist mir wie ein Hemmendes. Wenn ich ihn ablege, dann fühle ich mich befreit von diesem Hemmenden. - Die sich verdichtende Außenwelt war ihm auch ein Fremdes, seine Seele nahm zunächst keinen Anteil an ihr. Dann änderte sich die Stellungnahme des Menschen zur Außenwelt. Interesse nahm er an ihr, indem er sie auf sich wirken ließ mit den sich aufschließenden Organen seiner sich immer mehr verdichtenden Körperlichkeit. Er begann zu hören, tasten, riechen, schmecken und so weiter, und er machte
die Außenwelt dadurch zu seiner eigenen Angelegenheit. Dadurch entschwand ihm das frühere Bewußtsein des Seins in der geistigen Welt. Je mehr er dazu kam, sich mit seinen Hüllen zu identifizieren, desto mehr entschwand ihm die geistige Welt. Das Erhalten des neuen Körpers ward ihm immer mehr ein Anfang, das Ablegen desselben ein Ende, das ihn herausriß aus der Welt, die er nach und nach empfand als die seine. In allen Geheimschulen galt deshalb immer das Wort: «Die <Aestimatio> ist das Gift, das den Tod brachte.» Die «Aestimatio» ist der erste Schleier, der das Ich von den geistigen Welten trennt. Der zweite Schleier, der das Ich von der geistigen Welt trennt - so wurde dem Schüler gesagt in allen Geheimschulen -, der wird sich dir zeigen, wenn du intim achten lernst auf dasjenige, was du als ganz gewöhnlicher Mensch gar nicht beachtest. Eine jede Bewegung, die der Mensch ausführt, wenn er zum Beispiel die Hand erhebt, das Bein vorstreckt, das sind Abbilder geistiger Bewegungen, das ist ein Abbild, ein Imago eines geistigen Vorgangs. Im Geistigen - dem jetzigen Menschen vollkommen unbewußt, da dies Geistige in den unterbewußten Tiefen seines Wesens lebt - ist zuerst diese Bewegung. Dann erst führt die Hand sie aus. Etwas anderes ist es mit den Reflexbewegungen. Wenn ich zum Beispiel die Augen schließe, weil eine Fliege dagegen anfliegt, so ist das eine Bewegung, die derselben Kraft entstammt, aus der zum Beispiel die Feldwicke sich um eine andere Pflanze schlingt. - Die «Imaginatio» des Menschen lebt sich aus in den körperlichen Bewegungen. Früher war das anders. Als der Mensch noch ganz in der geistigen Welt lebte, wirkte er auch so in dieser geistigen Welt, daß er andere Wesen durch seine «Imaginatio» beeinflussen konnte. In seinen Leib senkte er sich nur hinein, um in ihm zu ruhen in irgendeinem Winkel unseres Planeten. Seine eigentliche Wirksamkeit spielte sich ab in der geistigen Welt als «Imaginatio». Diese «Imaginatio» verwendet der Mensch jetzt darauf, sie als äußere Bewegung in die Körperlichkeit einfließen zu lassen. Dadurch zieht er den zweiten Schleier vor die geistige Welt.
Durch die «Aestimatio» und die «Imaginatio» wird der Mensch von der Wahrnehmung der geistigen Welt abgehalten, so daß physischer und Ätherleib zusammenwirken. Schwer ist es zu beschreiben, wie der Ätherleib abgetrennt ist von der geistigen Welt. Alle Drüsenvorgänge sind Vorgänge des Ätherkörpers. Sie sondern ab gewisse Sekrete, durch die die Lebensvorgänge ermöglicht werden. Die Absonderung der Speicheldrüsen bereitet die Nahrung zur Verdauung vor. Die Absonderung der Nieren und Nebennieren bewirkt, daß der Mensch sein Knochengerüst so aufbauen kann, wie er es für sein Erdendasein braucht. Nun ist die Kraft, die diese Absonderungen bewirkt, durchaus eine geistige Kraft. Das kann man sich an folgendem Vorgang klar machen: Ein Mensch hört von einer Speise, die er ganz besonders liebt. Besonders bei einem primitiven Menschen sondert sich da der Speichel im Munde ab, ohne daß er die Speise genießt. Die Lust an der Speise, die in Gedanken an dieselbe aufsteigt, bewirkt den Vorgang. Wir wissen, daß auf der alten Sonne sich die Drüsenorgane entwickelten. Da war diese geistige Kraft wirksam von außen, es strömte ein von außen diese Kraft; die geistigen Wesenheiten schmeckten da sozusagen fortwährend. Man nennt diese geistige Kraft, die da wirksam ist, «Incantatio». Der Erdenmensch hat die Kraft der «Incantatio» hineingezogen in seine Sympathie oder Antipathie und dadurch den dritten Schleier gezogen vor die geistige Welt. Der Lehrer gibt dem Schüler die Anweisungen, die er zu befolgen hat, wenn er den Weg zurück finden will. Er zeigt ihm, wie man diese drei Schleier durchsichtig machen kann, so daß sie nicht mehr verhüllen die geistig-seelische Welt, sondern wie man durch ihre Kraft wiederum zurückfinden kann zu diesen Welten. Da sagt der Lehrer zum Schüler etwa so, das heißt, der Lehrer sagt nicht, aber der Schüler hört in seiner eigenen Seele, wenn er in sie hineinhört, etwa so etwas ertönen: Du stehst mit deiner Seele vor der Außenwelt. Die spricht durch deine Sinne zu dir. Du mußt sie erkennen in ihrem Wert oder Unwert. Du darfst dich nicht abwenden von ihr, denn sie ist ein Teil der ganzen Welt und hat ihren Wert als solch ein Teil der ganzen Welt. Erlebe die Außenwelt, höre genau hin auf das, was sie dir sagen will! Denn ein Geistiges ist es, was durch das Erleben der Außenwelt du als Mensch dem Kosmos und der ganzen Welt zu geben hast. Das richtige Erleben der Außenwelt hast du als Bereicherung des ganzen Weltenseins der geistigen Welt zurückzugeben. Da muß aber in dir erstehen eine innere Kraft, in der du ganz und gar versinken mußt. Diese Kraft heißt Ruhe. Meister Eckhart spricht von dem Verhalten der Seele gegenüber der Außenwelt so, daß er sagt: Die Seele soll die Sinne des physischen Körpers so benutzen, wie man benutzt eine Tür. Man öffnet sie, geht durch sie hindurch und schließt sie dann wieder. Dann ist man außerhalb der Tür. Und hat man seine Angelegenheiten außerhalb der Tür erreicht, dann geht man wieder durch sie hindurch hinein in seinen eigenen inneren Raum. So ist es mit dem Menschen und der Außenwelt. Draußen ist der laute Lärm der Außenwelt. Wenn du sie verläßt und eingehst in dein Inneres, so findest du Ruhe. Wolltest du immerfort rütteln an der Klinke der Tür, das wäre eine zwiefache, eine doppelte Bewegung, das brächte dir Unruhe und du könntest weder die Außenwelt richtig erkennen, noch kämest du zu dem richtigen Verhalten deiner Seele gegenüber dieser Außenwelt. Du mußt verwandeln die «Aestimatio». In der inneren Ruhe wird dir erstehen die richtige Schätzung dessen, was du als Wesentliches von der Außenwelt als Gabe empfangen sollst. Und das Unwesentliche, das, was durch den Lärm des Rütteins an der Tür bezeichnet wird, mußt du streng unterscheiden lernen von diesem Wesentlichen. Das Wesentliche, was der Mensch an der Außenwelt erleben kann und nur an ihr, ist die Gabe, die du als Mensch der geistigen Welt zurückzubringen hast als Dank dafür, daß du in dieser Außenwelt leben durftest. Wenn du lernst in diesem Wesentlichen leben, dann ist dir dadurch der Schlüssel in die Hand gegeben, dir Ewigkeitswerte in der Außenwelt zu erringen, die den Tod besiegen.
So wird die «Aestimatio» verwandelt in die Erkenntnis dessen, was die Außenwelt dir geben kann als innere Kraft, die nur entwickelt werden kann dann, wenn in innerer, absoluter Ruhe die Seele sich der Außenwelt gegenüber verhalten lernt. «Aestimatio» wird umgewandelt in Erkenntnis. Diese inneren Erkenntnisfähigkeiten führen den Schüler nun weiter. Er hat gelernt, die Eindrücke der Außenwelt in einer von ihm selbst bestimmten Weise an sich herankommen zu lassen. Er legt allmählich ab den ersten Schleier, den das Ich zog vor die geistige Welt durch die «Aestimatio». Er erkennt auch dieses Ich als etwas, was über sich selbst herauswachsen muß. Er lernt unterscheiden sein eigenes Ich-Erleben von einem Ich-Erleben, das sich verbunden fühlt mit einem Rein-Menschlichen und der ganzen Menschheit, das sich empfindet als Teil der ganzen Menschheit. Er lernt den Mittelpunkt seines Ich-Erlebens zu verlegen in sein Inneres. Er hört auf die Stimme seines Innern. Die kann er nur hören durch die tiefe Ruhe, die er in sich geschaffen hat. Der Lärm des Alltags ist in ihm verstummt, er hat die Türe seiner Seele zugeschlossen vor ihm. Ruhe, tiefe Stille ist in ihm. Er ist allein mit seinen Gedanken so, wie er früher mit den Dingen im Raume zusammen war. Er lernt allmählich das innere Wesen all dieser Dinge zu verstehen. Er lernt verstehen, wie sie entstanden sind in ihrer Mannigfaltigkeit durch den schaffenden Ton der Gottheit, der in dem Gedankenstoff der Welt, der göttlichen Lichtweisheit des Mondes von außen hereintönte, formengebend, formenschaffend. Jede Form draußen tastet er sozusagen innerlich nach, er erlebt nach die schaffende kosmische Welt der Töne. Und es wird ihm die eigene innere Beweglichkeit ein Abbild jener schaffenden Götterkraft. So dringt er vor, den zweiten Schleier, den er sich wob vor die geistige Welt, zu zerschmelzen. - Die Imago verwandelt sich in seinem inneren Erleben zur «Imaginatio», das heißt zu der Fähigkeit, die lebendig-wesenhafte göttliche Schaffenskraft zu erkennen, die aus den Dingen draußen der Seele entgegentönt. Es erschließt sich ihm nach und nach ein innerer Ton, durch den ihm die Dinge ihren eigensten Namen sagen. Den hört er mit der Seele. Der Schüler dringt vor, den dritten Schleier umzuwandeln: die «Incantatio» wandelt er zur Inspiration. Dann wird der innere Ton zum inneren Wort. Dies innere Wort ist eine lebendige, sinnvolle Einsprechung aus geistigen Welten in die Seele des Schülers. Das sind lebendige Kräfte, die einfließen in die Seele aus der geistigen Welt, die ihm geistig etwas mitteilen. Alle höheren Wahrheiten werden durch solch ein inneres Einsprechen erreicht. Das kann der Mensch nur haben, wenn er frei von Sympathie und Antipathie, frei von Kritik, still und hingegeben dem lauscht, was ihm so aus den geistigen Welten kommt. Der geistige Ton wird zum geistigen Leben, zur Intuition.
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