Aus den Inhalten der esoterischen Stunden — München, 1908-11-08
Um gegen die schädlichen Wirkungen von Ehrgeiz und Eitelkeit zu arbeiten, darf der Esoteriker diese zum Beispiel durchaus nicht in sich bekämpfen; denn dabei würde er sich zu sehr mit sich selbst beschäftigen, und das ist gerade dasjenige, was diese Fehler fördert. Das Heilmittel ist nun, sich zur Beseitigung dieser Fehler nicht mit sich selbst, sondern mit dem Menschen im allgemeinen zu beschäftigen, das heißt, über den Menschen und seine siebenteilige Natur, seine verschiedenen Körper, intensiv nachzudenken. Tut man dies bei jedem Anlaß, bei dem man diese Eigenschaften besonders empfindet, so wird man mit der Zeit merken, daß sie mehr und mehr schwinden. Das Heilmittel für den Neid ist das Meditieren über die Schönheit, entweder im allgemeinen in der Natur, oder wie sie sich im einzelnen in Kunstwerken oder in besonders vollkommenen Menschen ausdrückt. Mit der Begeisterung für die Schönheit in irgendeiner Form sollen wir uns ganz durchtränken. Ganz falsch wäre es, an den Menschen, den wir beneiden, in dieser Form zu denken, oder zu versuchen, den Neid ihm gegenüber direkt zu bekämpfen. Beschäftigen wir unsere Gedanken bei jedem gegebenen Anlaß so mit etwas Schönem, so werden wir spüren, wie der Neid nach und nach schwindet. Zorn und Ärger, den man über die verschiedensten Anlässe empfindet, sagen wir zum Beispiel über den immer zunehmenden Lärm in der Stadt, muß der Esoteriker auch auf andere Weise bekämpfen, als heutzutage dies versucht wird. Es werden ja jetzt Bücher über die mögliche Beseitigung des Lärms in den Städten geschrieben und Vereine dafür gegründet. Es kommt aber nicht darauf an, den Stadtlärm abzudämpfen, sondern in sich die Kraft zu entwickeln, sich von innen heraus von ihm abzuschließen durch Meditation, durch Seelenruhe. Nicht der Lärm, sondern die Dämonen, die unsere Städte durchziehen, sind das Schädliche; und diese werden gerade gewissermaßen durch den Lärm in Schach gehalten. Man muß inmitten des Lärms leben können, ohne sich von ihm zum Zorn reizen zu lassen. Dies erreicht der Esoteriker dadurch, daß er über große uns gegebene Worte meditiert, sich intensiv in sie versenkt, zum Beispiel in die vier ersten Sätze von «Licht auf den Weg». Dann wird man spüren, wie nach und nach der Lärm leiser und ferner wird und schließlich ganz entschwindet, und mit ihm der Zorn. Der Zorn hat auch auf den physischen Körper einen höchst nachteiligen Einfluß beim Esoteriker. Die beschriebenen Hilfsmittel gewöhnlichen Menschen anzuraten, wäre ganz zwecklos. Sie haben keine Bedeutung für sie.* Wenn wir auf diese meditative Weise unsere Fehler umwandeln, so bauen wir in uns einen Tempel, in den wir uns stets im Lebenslärm zurückziehen können, in dem wir Kraft ansammeln, aus dem wir Stärke, Ruhe und Begeisterung schöpfen können. Wir werden dadurch immer intensiver empfinden, daß wir eine große Familie sind, die sich um ihren leuchtenden Zentralpunkt, die Meister der Weisheit und des Zusammenklanges der Empfindungen, schart, von denen herab uns Leben und Licht zufließt. Unser Ziel wird uns dann immer als leuchtender Stern vorschweben, den nichts mehr verdunkeln kann. * In einer anderen, sonst identischen Vorlage heißt es hier: «Gewöhnlichen Menschen diese Hilfsmittel anzuraten, hätte gar keinen Zweck, da sie ihnen nichts nutzen.»
Cite:
GA 266a/1908-11-08/p004 · edition original