Aus den Inhalten der esoterischen Stunden — Kassel, 1910-02-06
## GA 266/2 — 1910-02-06, Kassel
Kassel, 6. Februar 1910 Aufzeichnung Α Sonne, Erde - Meditation, Studium Mancher, der in die esoterische Schulung eintritt, ist gar bald enttäuscht und sagt, er hätte sich die Übungen viel energischer und die Wirkung der Übungen viel eingreifender gedacht. Jemand, der sich das sagt, sollte sich so bald wie nur irgend möglich vor die Seele rücken, daß er da in einem großen Irrtum befangen ist, und sollte sich die größte Mühe geben, diesen Irrtum baldmöglichst zu korrigieren. Nicht die Übungen sind zu wenig energisch, sondern der Mensch. Nicht die Übungen sind wirkungslos, sondern der Mensch macht sie nicht in sich wirksam. Durch das esoterische Leben muß der Schüler ein völlig anderer Mensch werden; er muß zum Alten Neues hinzuerwerben. In früheren Zeiten wurde man vor die Wahl gestellt: esoterische Schulung oder Tod. Übungen, Prüfungen mußte man sich unterwerfen, die, wenn man reif genug war, auf den esoterischen Weg führten, oder man blieb sozusagen unter diesen Prüfungen auf der Strecke: Der physische Tod trat ein. Der Schüler sagte sich: Kann ich die Prüfungen nicht bestehen, bin ich noch nicht reif genug für ein esoterisches Leben, so hat ein weiteres Leben im physischen Leibe keinen Wert für mich; es ist besser, ich gehe durch den physischen Tod hindurch, um mich im Devachan für eine neue Verkörperung vorzubereiten, die dann zu esoterischem Leben führen kann. Heute sind derartige Prüfungen nicht mehr möglich, unsere ganze Organisation ist nicht mehr danach. Wohl aber soll der Schüler dazu kommen, daß ihm alles physische Geschehen gleichgültig wird. Der Mensch muß ein völlig anderer werden. Wer da aber heute schon behaupten wollte, daß er das Physische überwunden habe - nach kurzer Zeit des Übens -, der gibt sich
leicht einer groben Täuschung hin. Wahrhaftig muß der Schüler gegen sich sein. Wahrhaftigkeit ist die erste Tugend, die der, welcher die esoterische Bahn betreten will, sich erringen muß; wahrhaftig gegen sich selbst bis zum Äußersten. Ein anderes Zauberwort für den esoterisch Strebenden ist Geduld. Man betrachte sich die Sonne; man stelle sich den Geist der Sonne vor, wie er Tag für Tag die Sonne auf- und untergehen macht, wie er das nun schon seit Jahrmillionen tut und für noch undenklich lange Zeiten tun wird, um die Erde ihrer Bestimmung entgegenzuführen. Da hinein, in diese Geduld versetze man sich und denke dann nicht, wenn eine Übung nach drei, vier, fünf Jahren noch keine Wirkung hat, die Übung sei wirkungslos. Das Vaterunser, diese wunderbare Wiedergabe der siebengliedrigen Weltgesetzlichkeit, ist eine Meditation von großer Bedeutung, die manche Schüler täglich vornehmen. Mir ist einer derjenigen, die wir nennen die Meister der Weisheit und des Zusammenklanges der Empfindungen, bekannt, der sagte: Ich nehme das Vaterunser nur einmal im Monat als Meditation; die übrige Zeit versuche ich, mich reif und würdig zu machen, auch nur in einen Satz dieser wunderbaren Meditation mich vertiefen zu dürfen. - So muß man sich geistig einer Meditation gegenüberstellen, daß man sich würdig machen will, sie verwenden zu dürfen. Theosophie ist nicht nur theoretisches Studium, sondern lebendige Praxis. In der Natur müssen wir die Gleichnisse empfinden. Hinter allem Physischen ist ein Geistiges. Wenn wir die Meditationen richtig vornehmen, wenn wir auf dem esoterischen Wege weiterkommen, dann werden wir bald dazu gelangen, in uns etwas zu empfinden, was dem entspricht, was wir in der Natur sehen: im Frühling und Sommer das Keimen, das Wachsen; im Herbst das Wehmütige des Absterbens. Wir werden es erleben im Aufwachen des Morgens und im Einschlafen des Abends. Wie wir abends einschlafen, so gehen die Pflanzen im Herbst in eine
Pflanzennacht über. Die Keime nur bleiben übrig, in ihnen sind die Fähigkeiten, die während des Sommerlebens erworben worden sind. Diese Fähigkeiten wachen im Frühling wieder auf zu neuer Tätigkeit, wie bei uns des Morgens unsere Kräfte und Fähigkeiten vom Abend vorher wieder aufwachen. Immer wieder und wieder müssen wir einschlafen und aufwachen, am Tage unsere Fähigkeiten anwenden, in der Nacht neue Kräfte sammeln. Hinter den physischen Pflanzen sind hohe Geistwesen, die immer wieder im Frühling zu neuer Tätigkeit schreiten müssen und im Herbst, wenn der Keim der Pflanze nur übrigbleibt, in eine Pflanzennacht untertauchen. Aber diese Wesenheiten sind so weit vorgeschritten, daß sie innerhalb eines Jahres nur einmal diesen Wechsel zu vollziehen brauchen, während der Mensch alle vierundzwanzig Stunden den Wechsel von Einschlafen und Aufwachen durchmachen muß. Für jene höheren Wesen ist es eben nicht mehr so oft notwendig. Es darf nicht nur Phrase bleiben, das Sich-eins-Fühlen mit dem Allgeist, mit dem Geistigen. Wirklich empfinden, in sich erleben muß man das, was in der Folge von Frühling, Sommer, Herbst, was in dem Aufleben und Absterben verborgen liegt. Bei der Meditation fließt geistiges Leben in uns ein. Um diesem geistigen Leben eine richtige Aufnahme verschaffen zu können, müssen wir uns vorbereiten in der geeigneten Weise. Dies tun wir durch Studium. Wie die Sonne, die ihre Strahlen und ihre Kraft aussendet, nur einen leeren Fleck finden würde, wenn die Erde nicht vorbereitet und hergerichtet wäre, diese Kraft aufzunehmen und zu verwerten, so fänden unsere Meditationen keinen Boden der Wirksamkeit; sozusagen einen leeren Fleck fänden sie, wenn wir uns nicht vorbereiteten durch Studium, uns nicht empfänglich machten für das geistige Leben, das durch die Meditation in uns einfließt. So können wir sehen Makrokosmos im Mikrokosmos. Mit ganzer Inbrunst, mit vollster Hingabe und Konzentration soll der Schüler sich seinen Meditationen hingeben. Ganz und vollständig soll er seine Alltagsgedanken zurückstellen und sich nur den hohen geistigen Kräften öffnen. Als ein Opfer soll der Meditant eine jegliche Meditation auffassen, wie einen Opferrauch, der zu den Göttern aufsteigt. Wir tragen dadurch zur Harmonisierung und zum Fortschritt bei, während niedrige, egoistische, selbstische Gedanken den Grund zu Katastrophen geben, und keine menschlichen Schutzmittel können diese Katastrophen, wie wir sie in letzter Zeit viel gehabt und wie sie immer furchtbarer noch kommen werden, verhindern; man mag dagegen tun, was man will - sie treten doch ein. Das Geistige müssen wir bei all unseren Taten, bei all unseren Gedanken im Auge, im Gefühl haben. Aus dem Geistigen sind wir herabgestiegen, ins Geistige werden - bereichert und vervollkommnet - wir wieder hinaufsteigen. Im Geiste lag der Keim meines Leibes ... In meinem Leibe liegt des Geistes Keim ... Aufzeichnung Β Sonne, Erde, Meditation, Studium Wenn die geistigen Übungen nicht wirksam sind, so liegt dies niemals an den Übungen, sondern immer nur an dem Übenden. Dieser muß sich innig in sie versenken, und er muß darauf ein ganz anderer Mensch werden. In alten Zeiten wurde man vor die Wahl gestellt: Erfolg oder Tod! Wer für das Bestehen der Prüfung nicht reif war, konnte dann vom nächsten Leben besseren Erfolg erhoffen. Das sicherte ihm der Durchgang durch das Devachan. Heute aber muß dem Schüler mindestens das äußere Leben gleichgültig werden; er muß ein anderer Mensch werden.
* In erster Linie muß der Schüler wahrhaft gegen sich selbst werden, sodann Geduld lernen. Vorbild: die Geduld, mit der die Sonne stetig alle und alles bescheint. Das Vaterunser als Meditationsstoff Ein Meister sagte: ich nehme nur eine Bitte als Meditation in einem Monat einmal; die übrige Zeit suche ich mich reif und würdig zu machen, diese Bitte zu verstehen. Theosophie ist lebendige Praxis. Wir müssen alles Physische als Gleichnisse des Geistigen empfinden, das ihm zugrunde liegt. So kommen wir dazu, in uns einen Wechsel zu empfinden wie den von Frühling, Sommer und Herbst: das Keimen und Wachsen in der Natur und das Wehmütige des Absterbens im Herbst. Wie wir am Abend einschlafen, so die Pflanzen im Herbste; nur die Keime bleiben übrig und in diesen die Fähigkeiten, die im Sommer erworben sind. Im Frühling erwachen diese Kräfte wieder, wie die unseren jeden Morgen. Hinter der physischen Welt stehen hohe geistige Wesenheiten. Diese sind so weit fortgeschritten, daß sie nur einmal im Jahre diesen Wechsel zu vollziehen brauchen, den wir alle Tage einmal durchmachen. Vorbereitung zur Meditation durch Studium, um den Boden empfänglich zu machen. Der Meditierende soll sich in voller Konzentration seines Wesens der Übung hingeben. Er soll alle seine Alltagsgedanken zurückstellen und sich nur den hohen geistigen Kräften öffnen. Er soll die Meditation als ein Opfer auffassen; er soll darin gleichsam einen Opferrauch sehen, der zu den Göttern aufsteigt. So sollen wir freilich auch in allem unserem Leben und Tun stets das Geistige im Bewußtsein behalten. Dadurch sollen wir zur Harmonie des großen Ganzen nach unseren besten Kräften beitragen. Wir stammen aus dem Geiste und wir sind Geist. (Das soll sich in unserem ganzen Wesen ausprägen.) ESOTERISCHE STUNDE