Esoterische Stunde

GA 266b/1910-06-16 · 1910-06-16 · original · 11 passages · 983 words
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## GA 266II — 16 June 1910, Oslo

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Exoterisch ist Theosophie ein Wissen. Was wir in den exoterischen Vorträgen lernen, das sollen wir als Esoteriker so in unser Fühlen, Wollen und Denken aufnehmen, daß wir es dann wieder ausströmen können in das exoterische Leben. Das ist esoterische Arbeit. Und was geschieht durch dieselbe? Wie können wir eine ganz einfache theosophische Wahrheit direkt ins Leben tragen, zum Beispiel die vom Einschlafen und Aufwachen: wie der physische und Ätherleib beim Einschlafen zurückbleiben, während das Ich und der Astralleib in die geistigen Welten gehen? — Früher erhielt der primitive Mensch Gebete, die er abends vor dem Einschlafen und morgens nach dem Erwachen sprach, und das war gut, denn er stärkte seine Seele mit geistigen Kräften, indem er, bevor er in die höheren Welten ging, seine Seele auf sie vorbereitete und, nachdem er sie verlassen hatte, die Seele noch einmal mit den höheren Kräften durchdrang, sozusagen sich Seelenkräfte heraussaugte aus den geistigen Welten.

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Die drei unter dem Menschen stehenden Reiche, das Mineral-, Pflanzen- und Tierreich, sind durchdrungen von geistigen Kräften, die sich immer erneuern; ebenso die vier Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde. Beim Menschen ist das anders. Wenn er sich nicht selber mit diesen geistigen Kräften in Verbindung setzt, so erhält er sie nicht. Wenn er einschläft, ohne sich vorbereitet zu haben, so erhält er in den Welten, in die er dann eintritt, keine Zufuhr geistiger Kräfte. Der materialistische Mensch, er sei noch so gelehrt, wissenschaftlich noch so hochstehend: wenn er des Abends unvorbereitet in die geistigen Welten eingeht, so steht er in ihnen tief unter dem einfachen, primitiven Menschen, der sich durch sein Gebet schon mit ihnen in Verbindung gesetzt hat. In unserer materialistischen Zeit, deren wissenschaftliche Errungenschaften so unendlich bewundernswert sind, hat der Mensch mehr und mehr das Beten vergessen. Er schläft ein und erwacht mit seinen alltäglichen Gedanken. Was tut er aber damit? Denn es geschieht etwas durch diese Unterlassung. Er tötet jedes Mal etwas vom geistigen Leben, von den geistigen Kräften auf dem physischen Plan.

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Der Mensch geht bewußtlos in die geistigen Welten ein. Wenn er nun zum Beispiel um elf Uhr abends einschläft - unvorbereitet - und um zwölf erwachen würde in den geistigen Welten, so würde er sich gar nicht auskennen, würde das Gefühl haben, über unendliche Räume ausgebreitet zu sein, seinen Mittelpunkt verloren zu haben. Er wäre, was man nennt, in Ekstase, «außer sich» in des Wortes eigentlicher Bedeutung. Diese Ekstase wurde früher in den alten Druidenmysterien künstlich herbeigeführt, um den Schüler die höheren Welten bewußt erleben zu lassen. Damit der Schüler sich aber nicht verlöre, seines Ich nicht verlustig ginge, mußten zwölf Helfer ihm zur Seite stehen, die in dem Moment, wo die Ekstase eintrat, die ganze Kraft ihrer reinen Iche in ihn ergossen. So viel Kraft war nötig, um diese Auflösung zu verhindern!

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Diese Druideneinweihung war der äußere Weg [das Aufgehen im Makrokosmos]; während in den alten ägyptischen Mysterien der innere verfolgt wurde. Da mußte der Einzuweihende während dreieinhalb Tagen den Weg durch das niedere Astrale suchen, das heißt in sein eigenes Inneres steigen, und zwölf reine Priester mußten ihm beistehen, so daß dadurch nicht alle niederen Triebe, Begierden und Leidenschaften ihn ergriffen, sich seiner bemächtigten, die tief in seinem Wesen schlummerten und die (sonst) erst im Laufe seiner Inkarnationen sich langsam auswirken würden (bei gewöhnlicher Entwicklung).

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Unerhörte Laster würden in ihm geweckt worden sein, wenn die zwölf Priester ihn nicht davor geschützt hätten durch ihre Reinheit. - Heutzutage wären die genannten beiden Wege nicht mehr möglich, denn der moderne Mensch würde sich empören gegen solchen Eingriff in sein Ich, sich auflehnen gegen die Bevormundung in seinen Trieben, Begierden und Leidenschaften.

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Die Rosenkreuzerschule vereinigt beide Wege in sich und läßt dem Menschen zugleich vollkommene Freiheit. Er muß sich durch die ihm gegebenen Meditationen die Kräfte selber erwerben, die früher von den Helfern gespendet wurden. Durch diese Arbeit an sich vermehrt nun der Esoteriker die geistigen Kräfte, die der Menschheit nötig sind. Er kämpft gegen die Verödung, die eintreten wird durch den furchtbaren Materialismus, in dem die Menschen einfach vergessen haben ihren Zusammenhang mit den geistigen Welten, vergessen haben, auf welche Weise sie sich aus ihnen Kräfte holen können. Wenn die Zeit kommen wird, daß die Seelen immer öder und leerer und verzweifelter werden, dann wird es die Aufgabe der Esoteriker sein, ihre geistigen Kräfte lebendig wirken zu lassen. Sie werden unter allen Schicksalsschlägen das heitere Gleichgewicht ihrer Seele bewahren und dadurch Glück einströmen lassen in die übrige Menschheit, ihre Seelenschmerzen dadurch lindern. Diese Seelenschmerzen werden die Menschen als Qualen empfinden, als eine Folge der Errungenschaften der materialistischen Wissenschaft. Man hat heute vielfache Mittel gefunden, um die physischen Schmerzen zu anästhesieren, sie verschwinden zu lassen. Aber in Wirklichkeit sind sie deshalb doch nicht verschwunden. Auch in der exoterischen Wissenschaft wird uns gelehrt, daß keine Kraft verlorengeht, und so geht auch die Kraft des Schmerzes nicht verloren, sondern wirkt sich eben auf anderen Gebieten aus. Die Schmerzen kehren wieder in späteren Inkarnationen als Seelenqualen. Starke Seelenschmerzen werden die Menschen durchmachen müssen, und die Esoteriker werden dann die geistigen Kräfte, die sie aus den Höhen herunterbringen, zur Linderung dieser Qualen verwenden. Jeder von uns hat, sei es noch so unbewußt, als er den Weg der Esoterik betrat, diesen Entschluß gefaßt, helfend einzugreifen in diese Leiden der Menschheit.

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Früher, in weniger materialistischen Zeiten, war das Gebet eine gewohnte Tätigkeit vor jedem Einschlafen und beim Aufwachen. Wenig ahnt die Menschheit den Schaden, den sie sich selbst zufügt, indem sie diese Gewohnheit ganz beiseite gelegt hat. Der Mensch holte sich durch das Gebet Kraft aus der geistigen Welt beim Aufwachen für sein Tagesleben, und abends nahm er durch das Gebet die Kraft, die er sich in seinem Tagesleben gesammelt hatte, mit in die geistige Welt. So sind auch unsere heutigen Übungen gemeint, damit unsere Kraft zum Geistigen schneller wachsen könne und wir lernen, sie bewußt anzuwenden.

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Cite: GA 266b/1910-06-16 · edition original