Aus den Inhalten der esoterischen Stunden — Berlin, 1910-11-05

GA 266b/1910-11-05/p013 ·1910-11-05 · original (original)
Record: listeners' notes. Written from listeners' notes, summaries, or memory rather than a shorthand transcript. The wording is the note-taker's as much as Steiner's: weigh a single striking phrase here far more cautiously than the same phrase in a stenographic volume, and do not rest an argument on one word. Evidence: «Gedächtnisaufzeichnungen von Teilnehmern» (Participants' records written from memory). Rudolf Steiner Verlag Gesamtverzeichnis 2022, volume subtitle. The translation is the maintainer's, not a published one.

Wenn sich die Farbengebilde umwandeln, so daß ihr Gegenbild entsteht, wenn sich zum Beispiel die rote Farbe «umwendet» und violett wird, da ist dies Violett wirklich etwas aus der geistigen Welt Entgegenkommendes. Das ist die Taube, die wirklich Botschaft bringt aus der geistigen Welt. Etwas wie eine Umwendung seines eigenen Ich muß der Schüler erfahren, ehe er dies Erlebnis haben kann. Und nun muß der Schüler selbst demjenigen, was ihm aus der geistigen Welt entgegenkommt, Form und Gestalt geben. Etwas gibt es, was dem Schüler als Stütze auf diesem schweren und entsagungsreichen Weg dienen kann: das Rosenkreuz, das trage er in seiner Seele! Ein Kennzeichen dessen, was die Geistwelten geben, ist, daß alles, was als Symbolum auftritt, vom Schüler nicht gleich verstanden wird. Er muß diese Symbole auf seine Seele wirken lassen - tage-, oft wochenlang in entsagungsvollem Schweigen sich selbst gegenüber. In vollster Friedsamkeit und Ruhe der Seele, ohne Begehren, ohne Wünsche. Dann wendet er sich sozusagen in einem gewissen Augenblick zurück und versteht nun auf einmal, was das Symbol ihm sagen wollte. Solange hat es als Kraft in seiner Seele gewirkt, der gegenüber er schweigt und wartet. Geduld - Ausdauer - Schweigen sich selbst gegenüber! In der friedsamen Stille der Seele, die in der Zuversicht lebt, daß immer im richtigen Zeitpunkt der Schüler das Richtige vom Lehrer erhalte - dies Leben der Seele im Vertrauen, daß ihr gegeben wird, was ihr nottut, das muß sein das esoterische Rüstzeug des Schülers. Eins muß sich der Schüler immer wieder sagen: Ich werde nicht Teilnehmer der geistigen Welt sein können, ehe ich nicht gelernt habe, mir zu sagen: ich bin voller Egoismus - und ich kann gar nicht anders hier auf der physischen Welt sein. Das aber, was von mir hier auf der physischen Welt lebt, das ist nur ein Bild, eine Form, die Abbild ist meines Urbildes. Diese Form, dies Bild, ist von Egoismus ganz und gar durchtränkt. Und es ist das Weltenkarma, das uns in unserm Entwicklungsgange durch die Inkarnationen hindurch ganz mit Egoismus durchtränkt. Das Weltenkarma aber ist Gott. Der Gott lebt auch in uns. Und kommen wir soweit, daß wir gut und edel handeln, so ist es der Gott in uns, der uns dazu treibt. Und der Gott in uns, der uns gut und edel handeln läßt, lebt in unserm Urbild. Ich selber bin voll Egoismus - aber ich bin dazu vorbestimmt, Abbild zu werden meines göttlichen Urbildes. Dies Urbild ruhte im Schoß der Gottheit - es ist herabgestiegen bis zu dieser physischen Form und diese Form steht unter der Gewalt des Gottes, der über meinem Schicksal, meinem Karma steht, das ist mit Egoismus ganz und gar durchtränkt. Nie, nie darf ich sagen, ich sei ohne Egoismus, das ist niemals wahr - ich kann sogar nicht ohne Egoismus sein auf der physischen Welt. Aber wenn ich hinschauen lerne auf mein aus Gott geborenes Urbild, wenn ich mein Denken, Fühlen und Wollen, all meine Seelenkräfte ganz und gar hineinsterben lasse in dies Urbild, dann darf ich hoffen, den Egoismus in mir zu besiegen und mich meinem Urbild wiederum zu nähern. Wir werden bemerken, daß in demselben Maße, in dem wir selbstloser werden, wir auch physisch kraftvoller werden. Wir werden bemerken, daß wir keine Furcht, keinen Schrecken mehr empfinden, wir werden nicht mehr zusammenzucken in plötzlichem Schreck. Wir werden in unserem ganzen Menschenwesen kraftvoll und stark werden. Verstehen wir in richtiger Weise den echten, alten esoterischen Rosenkreuzerspruch, so sagen wir: E.D.N., da geht das erkennende Wesen des Menschen hin zu dem, was unaussprechlich ist, dem Schöpferwort. Dann kommt das Gefühl zurück und da kann man weitersprechen: I M. Das ist: «In den Christus hinein sterben lassen» den Egoismus und auferstehn zu neuer Lebenskraft durch die Liebeskraft des Christus. In morimur. so spricht man esoterisch dies Mantram aus. Und sein Sinn leuchtet auf: der Gott meines Schicksals entläßt mich dadurch, daß ich in ihn hineinsterbe: In morimur.

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Cite: GA 266b/1910-11-05/p013 · edition original