Aus den Inhalten der esoterischen Stunden — Karlsruhe, 1911-10-14
* Aufzeichnung D In derartigen Bemühungen können wir noch weiter gehen, indem wir Menschen gegenüberstehen und dabei versuchen, auch das Äußere des Menschen als Illusion und Maja anzusehen. So versuche man zum Beispiel seine Gesichtsfarbe, seine Haar-, Augen- und Wangenfarbe in den Komplementärfarben zu empfinden, ebenso alles, was Erhöhung an ihm ist - Nase etc. - als Vertiefung und umgekehrt zu sehen. Dabei kommt man in die negative Form, diejenige, die als Hohlraum vom physischen Leib ausgespart ist und die das Geistige ausmacht. (Vergleiche «Theosophie»: Das Geisterland.) Dies ist auch der Anfang, um sich in die Aura des Menschen hineinzuleben. All diese Erlebnisse können nur gefühlt und empfunden werden. Gehen wir mit dem Intellekt daran, so kann man diese Art Übungen nur bis zur Umdrehung der Tatsachen vollziehen, oder man erlebt nur ein fortwährendes zurückgeworfenes Spiegeln der eigenen Gedanken, ohne in die geistige Wirklichkeit einzudringen. Hat ein Mensch zum Beispiel sehr rote Backen, so werden diese in der Komplementärfarbe als hellgrün empfunden werden müssen, ein Zeichen, daß er noch stark im vegetabilen Leben steht. Bei leichter Gesichtsröte breitet sich für das hellseherische Wahrnehmen ein bläulicher Schimmer über eine etwas dunklere grüne Tönung. So kann der Hellseher den Grad der Geistigkeit von demjenigen erkennen, der vor ihm steht. Das Bindeglied* zwischen dem Äther- und physischen Leib ist stets das Gegenstück zu dem äußeren sichtbaren Menschen. Erscheint ein Mensch im Äußeren als schön, so ist dies Verbindungsglied häßlich, und umgekehrt. In manchen Kunstrichtungen der Gegenwart können wir beobachten, wie dies, wenn auch unbewußt, oft ausgedrückt wird, so zum Beispiel in manchen Kreuzigungsbildern mit den unschönen, schmerzverzerrten Zügen. Will man nun versuchen, sich selbst mit seinem Bewußtsein in rechter Art in die Sinneswelt hineinzustellen, ohne dieser rein äußerlich als einer Maja ausgeliefert zu sein und an ihr zu haften, so muß man sich folgendes klarmachen. Vor uns stehen die Reiche der Mineralien, Pflanzen und Tiere. Hinter uns stehen die Reiche der an den Menschen angrenzenden Hierarchien, der Engel, Erzengel und Geister der Persönlichkeit. Man kann nun oft das Gefühl haben, besonders wenn man die oben beschriebenen Übungen macht, als würde man von den hinter uns stehenden Hierarchien wie aufgesogen werden; auch wird oftmals das Gefühl auftreten, als ob ein Engel in uns hineintrete. Um diesem Gefühl des Aufgesogenwerdens recht zu begegnen, müssen wir alles, was wir an Freude und Leid erleben, als ein Geschenk der Götter ansehen lernen, als vom Vatergeist an uns herangebracht und in uns bewirkt. Dadurch entwickeln wir jene innere Gelassenheit, die wir den höheren Hierarchien gegenüber als innere Festigkeit brauchen. Man kann nun sagen: Wenn jemand alle diejenigen Gedanken, die heute in der Theosophie gegeben werden, in sich aufnehmen würde, so wären dies die Gedanken der höheren Hierarchien, der Götter; jedoch würde dies Denken in uns eine Eiseskälte erzeugen. Darum müssen wir diese Göttergedanken mit der Wärme verbinden, die Liebe in uns erweckt. Auch wenn dies erst nur schwach möglich ist, so ist es doch damit wie mit dem ersten Lebensgefühle in einem Pflanzenkeim. Erst durch das Christus-Ereignis ist es uns möglich geworden, Weisheit mit Liebe zu verbinden. In dieser Art können wir diese Gedanken der Götter als vom Vater ausgehend empfinden und meditieren, dann dies Gefühl durchwärmen im Hinblick auf das Opfer des Christus, wodurch das so aufgenommene Geistige in uns wiedergeboren werden kann in den Weltgedanken des Heiligen Geistes, die mit Liebe durchdrungen sind. Das liegt in dem dreifachen Rosenkreuzerspruch: Ex Deo nascimur In Christo morimur Per Spiritum Sanctum reviviscimus Dies in der rechten Art geübt, verleiht uns die Sicherheit und die Selbständigkeit, die wir auch den höheren Hierarchien gegenüber nötig haben. Im Geiste lag der Keim meines Leibes ... In meinem Leibe liegt des Geistes Keim ...
Cite:
GA 266b/1911-10-14/p005 · edition original