Esoterische Stunde
## GA 266III — 25 March 1913, The Hague
### Esoterische Stunde
Wir haben das letzte Mal gesehen, was in unserem Bewußtsein oben und unten ist, wie von unten heraufkommen Boten von bläulich-violetter Farbe, die Angeloi, dagegen von oben wie in Feuer getaucht die Archangeloi, und daß sie sich gewissermaßen zusammenschließen zu einer Sphäre, in die der Mensch nun hineinsehen kann.
Heute möchte ich nun eine andere Meditation vor Eure Seele stellen, die so bedeutsam ist, daß durch sie allein geistig hochstrebende Menschen sich den Weg in die höheren Welten gebahnt haben. Wir müssen uns klar sein, daß unser ganzes irdisches Denken eigentlich ganz falsch ist. Von den Ausdrücken: Ich bin, ich denke, ich fühle, ich will ist eigentlich nur einer richtig, der Ausspruch: ich bin. Alle anderen sind zu zwei Dritteln oder drei Vierteln falsch.
Es ist schon öfters darauf hingewiesen worden: hätten wir uns nur entwickelt nach den Intentionen der guten Götter, dann würde es keinen bewußtlosen Schlaf geben. Hätten nur gute Geister an uns gearbeitet, so hätten wir im Schlaf, wenn auch nicht ganz das Bilderbewußtsein wie auf dem alten Monde, so doch eine lebhafte Imagination von dem wogenden Wirken des an uns webenden Weltengeistes. Nun aber ist Luzifer in unsere Erdenentwicklung[^1] eingetreten. Und damit der Mensch sich nicht aus dem Schlaf die grauenhafte Erkenntnis mitbringt: Luzifer denkt in mir, - haben gute Götter ihm während des Schlafes das Bewußtsein entzogen. Und so sagt der heutige Mensch: ich denke. Wie falsch das ist, kann jeder Esoteriker merken, der die Erfahrung macht, daß in dem Augenblicke, wo seine Meditation begonnen hat, Gedanken [an Geschehnisse], die oft weit zurückliegen, ihn von allen Seiten umschwirren, ohne daß er sich ihrer erwehren kann. Erst später, durch lange Übung, gelangt er dahin, seiner Gedanken Herr zu werden und zugleich zu fühlen die Wahrheit des Mantrams: Es denkt mich. Der heutige Mensch, der ganz materialistisch denkt, ist davon weit entfernt. Auch im wachen Tagesbewußtsein beschäftigen ihn fast immer ungewollt Gedanken, Vorstellungen, die von außen kommen, die luziferischer Art sind.
Was ist denn eigentlich der Materialismus? Die Gründe für den Materialismus sind nicht die dafür angibt, sondern es ist die Furcht, die Furcht vor der Leere, die der Mensch findet, bevor er in die geistigen Welten eintritt. Auf dem Untergrunde der Seele schlummert unbewußt diese Furcht und treibt den Menschen dazu, die Dinge nur äußerlich, materiell anzusehen. - Wenn wir uns hineinleben in das große Weltendenken, von dem der Mensch selbst ja nur ein Gedanke sogenannten Gründe, die man ist, wenn wir in ehrfurchtsvoller Scheu empfinden das Geistige um uns her, dann werden wir die Maja des luziferischen Denkens, die Lüge des «Ich denke» immer mehr empfinden lernen. Ja, immer mehr werden wir das Gefühl haben, daß dieses «Ich denke» wie aufgesogen, wie verbrannt wird, wenn es uns immer besser gelingt, uns hineinzufühlen, uns ganz hinzugeben an das Geistig-Göttliche: Es denkt mich. Immer aber sollen wir ihm nahen mit dem Gefühl tiefster Frömmigkeit.
Nehmen wir das zweite Wort: Ich fühle. Hätte der Mensch während des Schlafes sein Bewußtsein, so müßte er beim Erwachen sagen: Luzifer-Ahriman fühlt in mir. Wie ungewollte Gedanken ohne Zahl uns umschwirren, so steigen auch Gefühle in uns auf, von denen wir nicht wissen, woher sie kommen. Denkt nur an alle die Triebe und Begehrungen, die befriedigt sein wollen. Nun aber haben die guten Götter das Bewußtsein des Menschen während des Schlafes herabgedämpft, und so glaubt er, mit Recht sagen zu können: ich fühle. - Mit dem Gefühl größter Dankbarkeit gegen die hohen Wesenheiten, die uns formen, sollen wir uns dem zweiten Mantram hingeben: Es webt mich.
Nicht anders als mit unseren Gedanken und Gefühlen steht es mit unseren Willensimpulsen. Der Wahrheit gemäß müßten wir sagen: nicht ich will, sondern Ahriman will in mir. Denn die meisten unserer Willensimpulse sind beherrscht von Ahriman. — Nun aber soll sich der Esoteriker mit dem Gefühl tiefster Ehrfurcht da hineinversetzen, daß höhere Wesenheiten an ihm wirken und arbeiten. Das ist ausgedrückt in dem dritten Mantram: Es wirkt mich.
Diese drei Mantren: Es denkt mich - Es webt mich — Es wirkt mich haben hohen okkulten Wert. Sie können einzeln oder auch miteinander verbunden meditiert werden. Die Meister der Weisheit und des Zusammenklanges der Empfindungen haben sie selbst gegeben und auch in ihren Vokalismus etwas ganz Bestimmtes hineingelegt.
Es denkt mich: zwei \(e\), ein \(i\), \(e\) ist immer das Zeichen heiliger Scheu und Bewunderung, mit der wir uns der Gottheit nahen. Dagegen bedeutet \(i\) das Sich-Hingeben, Sich-in-der-Gottheit-Fühlen.
Bei Es webt mich haben wir wieder zwei \(e\) und ein \(i\), also dieselbe Zusammenstellung der Vokale; aber aus dem \(d\) - «denkt» ist ein \(w\) — «webt» — geworden. Diesen Unterschied müssen wir fühlen. Liegt in dem \(d\) ein Hinstellen, ein Auf-sich-selbst-Stellen, so ist in dem \(w\) das Wogende, Wellenartige des göttlichen Wirkens angedeutet, in das wir uns ganz hineinleben sollen.
Bei dem dritten Mantram Es wirkt mich haben wir ein \(e\) und zwei \(i\). Wieder bedeutet das \(e\) die fromme Scheu und Bewunderung, das doppelte \(i\) dagegen das innige Erfassen, das Sich-in-der-Gottheit-Fühlen, das Einssein mit ihr.
Aber nie sollten wir diese drei Mantren meditieren, ohne daß bestimmte heilige Gefühle dabei ausgelöst werden: bei Es denkt mich Gefühle der Frömmigkeit, bei Es webt mich Gefühle der Dankbarkeit, bei Es wirkt mich Gefühle der Ehrfurcht.
Prüfen wir jetzt einmal unseren Rosenkreuzerspruch auf seine Vokalisierung hin. Auch er ist vor uralten Zeiten aus den tiefsten Mysterien heraus gegeben.
Die beiden Regeln, die von den Essäern streng befolgt wurden: nach Untergang der Sonne keine weltlichen Gedanken zu hegen und vor ihrem Aufgange um ihr Erscheinen zu bitten, sie lassen sich mit dem modernen naturwissenschaftlichen Denken schwer in Einklang bringen. Aber etwas anderes kann an ihre Stelle treten. Denken wir an das erste Glied unseres Rosenkreuzerspruches: Ex Deo nascimur. Beim Erwachen kommen wir aus den geistigen Welten, um nun wieder einzutreten in den Tempel des physischen Leibes, den uns gute Götter durch die Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit hindurch so kunstvoll zubereitet haben. Staunen und Bewunderung, heilige Scheu sollen wir da fühlen, ausgedrückt durch die beiden \(e\) - Ex Deo. In dem \(o\) liegt das Umfassen. In dem \(a\) von nascimur spricht sich eine gewisse Furcht, ein Zurückfahren aus, im \(i\) wieder die völlige Hingabe und im \(u\), das gewissermaßen eine Wiederholung des \(o\) ist, der völlige Zusammenschluß mit dem physischen Körper und dem Erdenbewußtsein.
In dem zweiten Gliede des Rosenkreuzerspruches, dessen zweites Wort unaussprechlich ist, denken wir an das Substantielle, mit dem wir uns nach dem Tode, post mortem, vereinigen. In den Christus sterben wir hinein und erhalten dadurch völliges Bewußtsein in den geistigen Welten, das Post-mortem-Bewußtsein: In Christo morimur. Wir haben hier das dreimal verstärkte \(i\). Das bedeutet das Erfassen unserer eigenen Innerlichkeit und das Hineinversenken und Einswerden mit dem Christus. Dann das \(o\) \(u\): das völlige Umfassen, das Sich-Zusammenschließen mit dem Christus.
Verhilft uns das Leben im physischen Leibe zum Erdenbewußtsein, das Hineinsterben in die Christus-Substanz zum Postmortem-Bewußtsein, so fehlt uns noch immer die Erkenntnis unseres Selbstes, das Selbstbewußtsein. Dazu muß uns der Sendbote des Christus verhelfen, der Heilige Geist - Per Spiritum Sanctum reviviscimus. Hier sind die Konsonanten vorherrschend. Das \(p\) bedeutet das Hinstellen, das Gegenüberstellen, das \(s\) das Hervorgehen aus dem Schoße der Götter. Als der \(s\)-Laut durch den Weltenraum ertönte, da wurde das Rückgrat des Menschen geschaffen. Das Wellige, das Wogende des \(s\) ist auch das Zeichen des Luzifer, in dessen Schlangenwindungen es sich spiegelt. Gelingt es uns, ihn zu überwinden, so gewinnen wir die geistige Kraft, die uns das rechte Selbstbewußtsein gibt: Per Spiritum Sanctum reviviscimus.[^2]
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[^1]: Eine andere, sonst gleichlautende Vorlage hat hier «Erdenwesenheit».
[^2]: Eine andere sonst gleichlautende Vorlage hat noch den Schlußsatz: «Der Gral: von geläuterten Schlangen umwundener Kelch.»