Esoterische Stunde
## GA 266III — 14 May 1913, Strasburg
### Esoterische Stunde
Aufzeichnung A
Unsere Meditationen sollen allmählich bewirken, daß wir leibfrei in die höheren Welten dringen und dort erkennen und schauen lernen. Allein, es kommt nicht nur darauf an, daß wir in die höheren Welten kommen, sondern wie; die Seelenverfassung, in der wir die höheren Welten betreten, muß eine gute, eine moralische sein. Nun ist es so, daß der Mensch als sinnlich-physisches Wesen auf der Erde zunächst gut-verlassen ist. Er empfindet nicht mehr das Moralische, Gute, das zu ihm sprechen könnte und sollte aus der ganzen Schöpfung. Luzifer hat, um den Menschen die Freiheit zu geben, das Moralische sozusagen herausgezogen; der Mensch muß es nun zunächst in sich selbst erwecken, wiederfinden und dann den geistig-göttlichen Welten wieder zurückbringen.
Wenn der Mensch heute die Sonne in ihrem Auf- und Niedergang betrachtet, so fühlt er keinerlei moralischen Impuls von dort aus zu ihm strömen. Wäre Luzifer nicht, so würde er fühlen: von der Sonne fließen die Kräfte, die mich so durchpulsen, daß ich mich als Ich weiß und fühle. Wenn der Mensch den Mond betrachtet mit den Mitteln, die ihm die Astronomie an die Hand gibt, dann weiß er: in der Zeit von Neumond zu Vollmond und von Vollmond zu Neumond sind es gewisse Gleichgewichtskonstellationen, die so walten, daß man den Mond einmal eine viertel, dann einmal eine halbe und dann eine ganze Fläche beleuchtet sieht. Was der Mensch nicht mehr fühlt, ist, daß, wenn die Konstellationen völlig andere wären, wenn der Mond nur um ein geringes seinen Standpunkt verändern würde, überhaupt solche Lebewesen wie die Menschen in ihrem physischen Körper gar nicht mehr existieren könnten. Denn vom Monde fluten die Fortpflanzungskräfte. Wenn der Mensch den Merkur anschaut, so gibt ihm sein Anstarren und Anglotzen nicht mehr die Fähigkeit, zu erkennen, daß ohne Merkur keine Verbindung zwischen Sonnen- und Mondenkräften, zwischen den Ich- und den Generationskräften stattfände. Ebenso bei der Venus fühlt er nicht, daß ohne ihr mildes Licht all jene Liebesbeziehungen zwischen den Menschen nicht wären, die ihn beglücken.
Luzifer hat den menschlichen Astralleib ganz mit Egoismus durchsetzt. Das ist notwendig um der Entwicklung willen zur Freiheit und Selbständigkeit des Individuums. Allein, so weit darf es nicht kommen, daß der Mensch unempfindlich wird für das Moralische. Das ist aber gegenüber der Natur, den Elementen z.B. der Fall. Der Mensch müßte aus Luft, Feuer, Wasser, Erde herausfühlen, daß sie dazu da sind, einen strafenden Ausgleich zu schaffen für die menschlichen Sünden; daß in ihnen, den Elementarkräften, «Erkränke-Kraft», «Kränkungskraft», lebt, die wir an uns müssen und sollen auswirken lassen, um uns zu läutern. Dieselben Worte sind wahr und falsch, je nachdem sie aus dem oder jenem Munde kommen. Im Munde Luzifers ist das Wort «Natur ist Sünde — Geist ist Teufel» ein Spottwort; in dem eben entwickelten Sinne, daß die materielle Natur uns um der Sünde willen strafen soll und wir den Geist in der Natur empfinden sollen als etwas uns Krankmachendes, uns Leidbringendes, ist es wahr. Denn die Schmerzen, das Leid ist das gottgegebene Mittel, den Egoismus zu erkennen und zu überwinden. Im Munde Luzifers ist das Wort «Ihr werdet sein wie Gott» eine Lüge; richtig verstanden ist es wahr. Der Christus spricht «ihr seid Götter» — Söhne der Gottheit. Der Mensch ist zur Vergottung berufen.
Der moderne Materialismus, der die Welt in Atome zerlegt, in physisch-materielle, was will er und tut er? Sündenkräfte will er verewigen. Denn Materie ist verdichtetes Unrecht. Das Materielle muß sich ja durch spirituelle Entwicklung wieder in Geist auflösen. Wir müssen der Natur wieder das Moralische abringen, das in sie von der göttlichen Weltenweisheit gelegt ist. Die rosenkreuzerische Weisheit sah diese ganze materialistische Entwicklung voraus, darum gab sie Mittel und zeigte Wege zu erhöhter Moralität, ohne die man nicht zu Heil und Segen die höheren Welten betreten sollte. Man kommt sonst vielleicht wohl hinein, aber man findet dann dort Luzifer nicht so, wie er einem entgegentreten soll als Führer in der Erkenntnis der höheren Welten, sondern erst recht als Versucher, der einem dann allerlei Geistig-Göttliches vorspiegelt und zeigt, was aber nicht wirklich ist.
Ex Deo nascimur - so sollen wir sprechen - dabei aufblickend zum Monde in seelischer Erhebung als zu dem Spender der Gelegenheit, immer wieder sich zu inkarnieren und sich zu vervollkommnen auf Erden in einem physischen Leibe. In Christo morimur,, dabei :aufblickend :zur: Sonne, um sich von dorther gewissermaßen als Ich-Wesen, als geistig-göttliches Wesen zu empfinden durch den Christus, den mit der Sonne verbundenen, erhabenen Geist. Per Spiritum Sanctum reviviscimus, dabei aufblickend zu Merkur und Venus, die sich nicht manifestieren in physische Abbilder, sondern rein geistig offenbaren. Weil auf sie und die anderen Planeten (Mars, Jupiter und Saturn) verteilt ist die Kraft des Geistes, die die Menschen zur geistigen Liebe erzieht.
Plato fühlte noch im Nachklang, daß die Menschen gut-verlassen sind, daß das Gute im tiefen Schoße der Gottheit zurückgezogen lebe, gebunden ruhe. Er sprach: Gott ist gut, und der Christus Jesus sprach es aus, daß sozusagen sich zurückgezogen habe das Gute von den Menschen. Er sagt: «Niemand ist gut denn Gott allein!»
So wollen wir unablässig nach hoher Moralität streben, damit wir fähig werden, auch aus der Natur, aus Sonne, Mond und Sternen die moralischen Impulse wieder herauszufühlen und der geistigen Welt das Moralische wieder zurückzubringen, das aus ihr um unserer Freiheit willen durch Luzifer herausgenommen worden ist.
Aufzeichnung B
Für den Esoteriker ist zweierlei notwendig. Erstens, daß man sich treu seinen Übungen hingibt, zweitens, daß man eine bestimmte Gesinnung entwickelt, die folgendermaßen zu beschreiben ist: Im gewöhnlichen Leben denkt niemand beim Aufwachen daran, warum die Sonne wieder aufgeht, und ebensowenig berührt es den Menschen, wenn er den Mond in seinen regelmäßigen Scheingestalten vom Vollmond zum Neumond gehen sieht und wieder zurück zum Vollmond, oder wenn er die einzelnen Planeten am Sternenhimmel scheinen sieht. Die Leute meinen, keine moralische Bedeutung mehr damit verbinden zu müssen. Die moralische und die natürliche Welt gehen auseinander. Das macht, daß man wirklich in einer Welt lebt, die von dem Guten verlassen ist. Für den Esoteriker müssen beide, die moralische und die natürliche Welt, wieder miteinander vereinigt werden.
Betrachtet er einen Sonnenaufgang, so kann er diesen niemals so schildern, wie es der Astronom tut. Er weiß, daß ohne das Sonnenlicht niemals ein Ich in ihm pulsieren könnte. Der Einfluß dieses Sonnenlichtes wirkt immer auf den Menschen; auch wenn er nachts schläft, geht noch ein geistiger Einfluß von der geistigen Sonne aus. Wenn er den Mond sieht, dann weiß er: wenn der Mond nicht die Scheingestalten durchlaufen würde, könnte die Menschheit nicht bestehen, sie müßte aufhören zu bestehen. Würde der Mond nur um ein weniges aus seiner Bahn gerückt im Verhältnis zur Sonne, dann würde das bestehende Menschengeschlecht verdorren, es könnte keine Nachkommen mehr erzeugen, denn der Mond bringt die Fortpflanzungskraft. Und der Esoteriker weiß, wenn er den Merkur erblickt, daß er die Kräfte des Mondes und diejenigen der Sonne miteinander verbindet. Die Ichkräfte der Sonne könnten immer weiter heruntersteigen, und die Fortpflanzungskräfte des Mondes könnten weiter fortfahren, einen Menschen zu bilden, aber ohne die verbindende Kraft des Merkur würden diese Kräfte immer voneinander getrennt bleiben. Und aus der Venus strömt die Kraft der Liebe, wodurch die Möglichkeit dieser Verbindung entsteht.
Daß wir diese Verhältnise nicht mehr als moralische empfinden können, kommt von dem luziferischen Einfluß. Dadurch sind wir versetzt worden in eine Welt, die wirklich von dem Guten verlassen ist, weil Luzifer das Moralische herausgezogen, getrennt hat von dem Natürlichen. Dadurch sind krankmachende Kräfte in die Materie gekommen, «Erkrankungskräfte». Das weiß der Mensch heute so wenig, daß er das Wort «Kränkung» nur im Zusammenhang mit dem Seelischen kennt, so wie wir es eben unter dem Worte «Kränkung» kennen.
Das Gute ist nicht hier in dieser Welt zu finden, sondern nur außerhalb der Erde. Plato sagte schon: «Gott ist das Gute», — auch der Christus Jesus wies darauf hin, indem er sagte: «Niemand ist gut denn Gott allein.» Durch die guten Götter ist das Böse in die Materie hineingelegt, damit der Mensch lernen wird, sich freiwillig von ihm abzuwenden. Das ist etwas, was nur in einer besonderen Stimmung ausgesprochen werden darf; denn von der Stimmung hängt die Bedeutung des Gesagten ab. So sagte Luzifer zu den Menschen: «Ihr werdet sein wie die Götter», — das war eine Behauptung; und Christus Jesus sagte als höchste Wahrheit: «Ihr seid Götter!»
Nur in einer besonderen Seelenverfassung darf gesagt werden, daß Stoff, Materie nichts anderes ist als konzentriertes Unrecht. Konzentrierte Sünde ist die Materie!
Der Materialist denkt sich den Stoff verteilt in Atome, die ein ewiges Dasein haben sollen, aber diesen Atomtheorien des 19. Jahrhunderts liegt nichts anderes zugrunde als der Wunsch: ich will die Sünde in kleine Atome zusammenziehen und sie dann verewigen, und ich will nichts anderes anerkennen außer diesem in der Welt. - Aus tiefer okkulter Erkenntnis hat Goethe das Wort gesprochen: «Natur ist Sünde, Geist ist Teufel». Aber er sprach es aus als Spott, weil er wußte, daß man solche Wahrheiten nicht in gewöhnlicher Art aussprechen darf.
Durch den luziferischen Einfluß ist auch der Egoismus in den Astralleib gekommen, und als Mittel gegen den Egoismus haben die Götter etwas gegeben, was auch egoistisch ist, das heißt, im Ich erlebt wird, nämlich den Schmerz. Dieses Mittel haben die Götter gewählt, um dem Menschen über die Sünde hinwegzuhelfen und ihm doch die Freiheit zu lassen. Deshalb ist es notwendig, daß der Mensch Moralität entwickelt, ehe er in die höheren Welten aufsteigt. Von anderer Seite ist unserer Strömung der Vorwurf gemacht worden, daß sie so sehr die Notwendigkeit der moralischen Entwicklung betont. Ohne Morali man zwar auch in die geistige Welt aufsteigen, wenn man aber Luzifer nicht kennt, wird man sich eine geistige Welt vorgetäuscht sehen von den schönsten Gestalten bevölkert, die aber keine Wirklichkeit ist.
Die moderne Naturwissenschaft betrachtet die Menschen als ausschließlich aus Materie bestehend, die eigentlich die Sünde ist. Das Rosenkreuzertum hat vorausgesehen, daß dieses kommen würde, und hat deshalb einen anderen Gedanken in die Welt einfließen lassen durch das: Ex Deo nascimur. Wenn wir den Mond betrachten, dann können wir daran denken, daß aus den Kräften, die mit dem Monde verbunden sind, wir geboren sind. Und die Sonne erinnert uns an den Sonnengeist, den Christus, der mit ihr verbunden war und der uns die Kräfte des Ich geschenkt hat: In Christo morimur. Und wenn wir das Per Spiritum Sanctum reviviscimus aussprechen, denken wir an diejenigen Wesenheiten, die mit den fünf anderen Planeten verbunden sind und die wir in ihrer Gesamtheit ansprechen als den Heiligen Geist.