Aus den Inhalten der esoterischen Stunden — Berlin, 1914-03-27
muß einsehen lernen, daß es ganz andere Mittel sind, durch die man auf dem physischen Plan weiterkommt, als die, die man anwenden muß, um in die geistige Welt einzudringen. Immer mehr muß der Schüler lernen, sich hineinzutasten in die geistige Welt durch seine hingebungsvollen Gefühle, er muß lernen, sich zu sagen, daß es beim Meditieren nicht so sehr auf den Inhalt der Gedanken ankommt, als auf die ganze Gesinnung, die Stimmung der Seele, aus welcher heraus die Meditation gemacht wird. Die sind es, die die Seele umformen und nach und nach die Organe der Seele herausbilden. Eine solche hingebungsvolle, andächtige Stimmung der Seele arbeitet nicht nur hinein in den Astralleib, sondern der Esoteriker wird auch immer mehr dahin gelangen, seinen Ätherleib zu fühlen. Und das ist ein sehr wichtiger Augenblick für die esoterische Entwicklung, wenn dieser Moment eintritt. Macht Euch folgendes klar, meine lieben Schwestern und Brüder: Ich strecke meine Hand aus, ich stoße mich hier an der Tafel. Im Physisch-Sinnlichen würde man sagen, da ist ein Gegenstand, an dem meine Hand einen Widerstand gefunden hat. So ist es richtig für die physische Anschauung. Im Geistigen ist da aber, wo ich anstoße an die Tafel, ein Nichts. Da ist in der geistigen Welt ein Loch, eine Lücke. Nichtse, Löcher sind für die geistige Welt da, wo im Physischen Gegenstände sind. Aber bevor meine Hand an dies «Nichts» herankommt, strecke ich sie hindurch durch eine geistige Welt, die wiederum für das physische Anschauen leer, ein Nichts ist. Die ist aber geistig ganz mit Realitäten - mit geistigen Wesenheiten - angefüllt. Wenn wir das eben Angedeutete als Schüler der geistigen Wissenschaft durchdenken, so müssen wir lernen, uns zu sagen: Also sehe ich, wenn ich ein Physisches anschaue, in Wirklichkeit die Umrisse der geistigen Welt. Zu solcher Erkenntnis muß er [der Schüler] sich durchringen. Hinter allem muß er den Geist sehen, dann sieht er auch erst das Physische in der rechten Weise. Schaut er hin auf eine Herbstlandschaft, was sieht er da? Ein Vergehendes, Absterbendes im Physischen - aber hinter ihm erahnt er schon die neuen, lebendigen Keime, die sich aus dem Absterbenden losringen: das neue Leben, das sich dem Tod entringt; das noch geistig ist, das sich aber im Frühling mit Materie umkleiden wird. Ein ganz einfaches Beispiel kann uns übrigens zeigen, daß da, wo im physisch-sinnlich Wahrnehmbaren Gegenstände sind, im Geistigen lauter Nichtse sind: Nehmen Sie eine Flasche Selterswasser. Sie sehen das Wasser nicht. Sie sehen es nicht vor den leuchtenden Kugeln der perlenden Kohlensäure. Die sind nur Luft: Nichtse. Das Wasser, das Physische, sehen Sie nicht vor diesen Perlen der Kohlensäure. So sieht man auch das Geistige nicht inmitten des Physischen. Die schillernden Dinge der Wahrnehmungswelt decken es uns zu. Hat sich der Esoteriker eingelebt in diese fundamentale Wahrheit, daß er im Physisch-Sinnlichen von lauter Nichtsen umgeben ist, so wird ihm auch bald eine zweite Wahrheit aufgehen, die Wahrheit: Es denkt mich, nicht: Ich denke. So lange hat er geglaubt, daß seine Gedanken in der Welt einen Wert haben, jetzt lernt er nach und nach, daß im Geistigen eine Weltenmacht da ist, die, indem sie denkt, erschafft. Und daß alles Menschendenken nur ein schattenhafter Abglanz ist dieses Weltendenkens, das erzeugt wird von einer erhabenen Geistwesenheit, der das Denken in demselben Grade zu eigen ist, wie dem Menschen das sinnliche Anschauen. Er lernt, daß diese Menschengedanken nur Schatten sind, die sich am physischen Leibe spiegeln und nur den Wert von Schatten haben, die wohl für die physische Welt eine Notwendigkeit sind, die er aber umwandeln muß durch seine Meditation, so daß aus den Schattengebilden Realitäten werden. Er lernt, auf sein stolzes Denken mit immer größer werdender Bescheidenheit hinzuschauen. Er fragt sich: Wie wandle ich es um, so, daß ich mir durch die Umwandlung dieser Schattengedanken ein Werkzeug schaffen kann, um in eine geistige Welt nach und nach hineinzukommen! Der Schüler, indem er so darauf hinstrebt, sich von diesen Schattengedanken loszulösen, wird allmählich dazu gelangen,
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GA 266c/1914-03-27/p008 · edition original