Geisteswissenschaftliche Ausführungen in Anknüpfung an die «Klassische Walpurgisnacht»

GA 273/1918-09-27/p013 ·1918-09-27 · original (original)
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Nun müssen wir ins Auge fassen, daß Goethe, indem er sich eine solche Frage mehr oder weniger deutlich ahnend vorlegte — aber in diesem ahnenden Erkennen wurde sie für ihn brennend, quälend -, sich bewußt war, daß der abstrakte, der philosophische, der naturwissenschaftliche Erkenntnisweg, welchen manche für den einzig richtigen halten, doch nur eine Erkenntnisströmung ist, und er ahnte, daß es viele Erkenntnisströmungen gibt. Und wer glaubt, daß Goethe ein rationalistischer Philister war, wie im Grunde genommen alle Vertreter moderner Wissenschaft sein müssen — sonst würde Wissenschaft nicht im modernen Sinne echte Wissenschaft sein, denn sie ist im modernen Sinne selbst pedantisch, philiströs und rationalistisch —, wer glaubt, daß Goethe solch ein pedantischer, rationalistischer Philister war, versteht nichts von Goethe. Der versteht tatsächlich nichts von Goethe, welcher glaubt, daß Goethe nur einen einzigen Augenblick angenommen habe, man könne durch gewöhnliches wissenschaftliches Nachdenken sich über die Menschennatur in ihrer Fülle und in ihrer Totalität irgendwie unterrichten. Goethe hat gut gewußt, daß die menschliche Seele nicht bloß auf dem Wege des Denkens oder auch auf dem Wege derjenigen Betätigung, die auf dem physischen Plane liegt, die Wahrheit finden kann, sondern daß die menschliche Seele auf verschiedenen Wegen sich hineinfinden muß in die Wirklichkeit und in die Wahrheit. Goethe hat gut gekannt jene Annäherung an die Wahrheit, welche erfolgt gewissermaßen eine Schichte tiefer, als das gewöhnliche tagwache Bewußtseinsleben verläuft. Dieses tagwache Bewußstseinsleben, in dem sich unsere gescheiten Vorstellungen tummeln, das von allen Pedanten so hoch geschätzt wird, liegt im Grunde genommen recht weit ab von alldem, was in der Welt webt und west als Grundlage für das Dasein. Der Mensch nähert sich in einer gewissen Beziehung schon mehr dem, was webt und west unter der Oberfläche dieses Daseins, wenn er - man muß das nur nicht mißverstehen — aus seinem Unterbewußtsein, wenn auch noch so chaotisch, wenn auch noch so sporadisch, sinnvolle Träume heraufkommen fühlt und schaut. Ich habe es öfter ausgeführt im vorigen Jahre: auf den Inhalt der Träume kommt es wenig an, aber auf die innere Dramatik der Träume, auf den Zusammenhang des 'Traumlebens mit der tieferen menschlichen Wirklichkeit kommt es an. Ein Philosoph, Johannes Volkelt, hat in den siebziger Jahren in einem Büchelchen «Die Traumphantasie» nur leise gewagt, daran zu rühren, daß der Mensch in seinen Träumen sich dem Welträtsel nähert. Oh, wenn er nicht später diesen furchtbaren Professorenfehler verbessert hätte durch gut pedantische erkenntnistheoretische Werke, wäre er sicher nicht der Professor Johannes Volkelt geworden, der in Basel, Würzburg, Jena und Leipzig Philosophie lehren durfte! Denn das ist eine große Sünde wider die moderne Wissenschaft, auf so etwas hinzuweisen, daß der Mensch untertaucht in eine wirkliche, wesenhafte Weltenströmung, wenn er im Schlafesleben ist, und daß dann aus diesem Erleben Dinge herauftauchen, die sich allerdings nur bildhaft, chaotisch zeigen, so daß man sie nicht in ihrer unmittelbaren Gestalt hinnehmen darf, die aber doch verraten, daß der Mensch im Schlafesweben in einer Sphäre ist, in der er dem vollinhaltlichen Weben und Wesen, aus dem das Sichtbare, das Sinnlich-Sichtbare auch herauswächst, näher ist, als er es ist vom Aufwachen bis zum Einschlafen.

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Cite: GA 273/1918-09-27/p013 · edition original