Achter Vortrag
Nun wissen Sie, daß es mein Bestreben war seit Jahrzehnten schon, ein wenig Verständnis hervorzurufen in der Welt für das Bedeutsame, das getan worden ist durch die großen anatomisch-physiologischen Entdeckungen, die Goethe gemacht hat, ich möchte sagen, als ein zweites großes Werk auf diesem Gebiete. Das erste will ich heute nicht berühren, ich will nur auf das zweite hinweisen. Diese zweite bedeutsame Entdeckung verdankt ihre Entstehung dem, was man in der äußeren materialistischen Welt die Verbindung eines Zufalls mit einer genialen Menschennatur nennen könnte. Goethe erzählt selber, daß er einmal beim Spazierengehen auf dem Judenkirchhofe in Venedig einen Schöpsen- oder Schafschädel fand, dessen einzelne Knochenteile auseinandergefallen waren nach ihren Nähten. Und als er diesen Schädel aufhob und ihn so betrachtete der Form der Knochen nach, da ging ihm ein Gedanke auf, der Gedanke: Ja, wenn ich mir so diese Kopfknochen anschaue, was sind sie denn eigentlich ? Sie sind umgebildete Rückenwirbelknochen.
Cite:
GA 275/1915-01-04/p005 · edition original