Ansprache zur Eurythmie

GA 277b/1919-04-05/p009 ·1919-04-05 · original (original)
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Die Wahrheit dieser Worte fühlt man so recht, wenn man umsetzt eben dasjenige, was sonst übersinnlich und unsichtbar im menschlichen Sprechen und Singen [ist, wenn das] in der Bewegung des Gesamtorganismus des Menschen zum Ausdruck kommt. Was Sie also hier auf der Bühne sehen, ist teilweise in der Umgestaltung der Bewegung des einzelnen Menschen aber auch von Menschengruppen so ausgeführt, dass in dem sichtbaren Ausdruck der durch den ganzen Menschen sichtbare Kehlkopf des Menschen sich darstellt. Eurythmie soll ein sichtbarlich gewordenes Sprechen sein. Allerdings, Kunst, künstlerische Empfindung muss in der ganzen Entstehung der Eurythmie zugrunde liegen. Nicht graue Theorie oder Wissenschaft ist es, woraus das entstanden ist, was Sie hier sehen werden, sondern eben die Goethe’sche Natur- und Kunstauffassung in unmittelbare Empfindung umgesetzt. Dasjenige hauptsächlich, was der einzelne Mensch darstellt, in seinen Stellungen, seinen Bewegungen, es ist dasjenige, was im Kehlkopfe sonst als Bewegungsanlage beim künstlerischen Sprechen und Singen sich offenbart. Dasjenige, was wir in Gruppen darstellen, in dem gegenseitigen Verhältnisse einer Person zur anderen in den Gruppen, in den Bewegungen der Gruppen, das ist mehr dasjenige, was dann die Sprache durchglüht als Empfindung, als innere Seelenstimmung, als Seelenwärme. Das ist dasjenige, was in künstlerischer Sprachgestaltung als Reim, als Rhythmus, als verschiedene Assonanz und so weiter vorhanden ist. Da kann alles dasjenige, was sonst nur in das tonliche Element, in das Hörbare übergeht also, stilvoll durch eine Ausgestaltung und Offenbarung des ganzen Menschen und von Menschengruppen sichtbarlich ausgedrückt werden. Stil- nach Goethes Wort beruhend auf den tiefsten Grundlagen der Erkenntnis, auf dem Wesen der Dinge, insoferne es uns gestattet ist, es in greiflichen und sichtbaren Gestaltungen darzustellen -, das ist hier versucht, diese höchste Offenbarung der Welt, diesen Mikrokosmos, den Menschen, in dem, was in ihm liegt, zu empfinden, sichtbarlich, wie einen großen Kehlkopf darzustellen.

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