Ansprache zur Eurythmie
Nun, wenn wir von der Sprache des Menschen ausgehen, so fließen da in der Sprache zusammen erstens das lautliche Element, hervorgebracht durch einen bestimmten Teil der menschlichen Körperorganisation mit dem gedanklichen Element, von dem in der Dichtung das lautliche Element durchdrungen ist; im Gesang weniger, aber es ist doch auch das menschliche Innere durch Gesang und Musik nach Ausdruck drängend. Und so wahr als hier ein sinnliches Element vorliegt, so wahr ist es, dass namentlich in der Dichtung, indem sie sich der Sprache bedienen muss, je mehr vorgeschritten eine Sprache ist, um so schwieriger wird cs, dichterisch-künstlerisch Ausdrucksformen zu schaffen, einfach aus dem Grunde, weil die zivilisierten Sprachen sich allmählich dem gedanklichen Elemente nähern, auch dem konventionellen Elemente nähern - sie werden Verkehrssprachen, sie dienen dem menschlichen sozialen Zusammenleben und so weiter, und so weiter. Je mehr die Sprache Ausdrucksmittel wird für das soziale Zusammenleben, je mehr sie Ausdrucksmittel wird für die Gedanken, desto weniger eignet sie sich zur Offenbarung des eigentlich Dichterischen.
Cite:
GA 277b/1920-04-17/p006 · edition original