Ansprache zur Eurythmie

GA 277b/1920-04-17/p012 ·1920-04-17 · original (original)
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Sie werden heute sehen gleich im ersten Teil eine mit Zuhilfenahme der Eurythmie dargebotene Darstellung des ersten Bildes vom zweiten Teil des Goethe’schen «Faust». Dieses erste Bild des zweiten Teiles von Goethes «Faust» ist ja vielfach missverstanden worden. Man hatte ja eingewendet, dass Goethe sich den Übergang von seinem ersten Teil des «Faust» zum zweiten Teil viel zu leicht gemacht habe. Faust hat schwere Schuld auf sich geladen, hat Menschen ins tiefste Unglück gebracht, muss unendlich schwere Gewissensbisse haben. Und so wird er uns ja aus dem ersten Teil, wenn ich so sagen darf, entlassen. Nun steht er wieder vor uns. Er soll den Lebensweg weiterverfolgen. So wie Goethe das darstellt, ist es nicht eigentlich symbolisch gemeint, sondern es ist so gemeint, dass in der Tat der Mensch, wenn er auch in einer so furchtbaren Lebenslage wie der Faust in diesem Falle sich befindet, dass er von innen heraus gesunden muss. Dieses Gesunden-von-innen-heraus kann man natürlich nicht anders darstellen, als indem man Bezug nimmt auf die Beziehungen des Menschen zur geistigen Welt. Es ist ganz und gar missverstanden, wenn einzelne Menschen diesem ersten Bild des zweiten Teiles von Goethes «Faust» entgegengehalten haben: Ja, Goethe habe sich die Sache leicht gemacht. Da braucht man ja nur, nachdem man eine schwere Schuld auf sich geladen hat, einen erfrischenden Morgenspaziergang der aufgehenden Sonne gegenüber zu machen - und man sei wiederum dem Menschtum zurückgegeben. Das ist allerdings mit diesem ersten Bild des zweiten Teils des «Faust» nicht gemeint, sondern mit diesem Bilde ist gemeint, dass der Mensch, wenn er so gründlich sich sein Gewissen ruiniert hat, eigentlich nur durch einen besonderen Bezug zur geistigen Welt wiederum gesunden kann.

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Cite: GA 277b/1920-04-17/p012 · edition original