Ansprache zur Eurythmie
Und man kann deklamieren und rezitieren eine Dichtung, wie Sie auch nachher sehen werden. Dasjenige, was durch die Dichtung deklamiert und rezitiert wird, das kommt zugleich in der sichtbaren Sprache der Eurythmie von der Bühne aus vor das Auge. Dadurch aber werden gerade diejenigen Tiefen der Dichtkunst herausgcholt, die durch die Sprache, die ja immer vom Gedanken abhängig ist, die durch die Lautsprache nicht herausgeholt werden können. Große Dichter haben immer etwas Musikalisches oder Bildhaftes hinter den Worten ihrer Dichtung. Schiller hatte gerade bei den bedeutendsten seiner Dichtungen etwas unbestimmt Melodiöses in seiner Seele. Da hatte er noch gar nicht die Worte für das Gedicht - er hatte etwas unbestimmt Melodiöses. Auf diesem unbestimmt Melodiösen reihte er gewissermaßen erst den reinen Prosainhalt auf. Dadurch wurde dieser erst Dichtung, dass er etwas Musikalisches im Hintergrunde hatte. Andere Dichter haben etwas Bildhaftes. Nach diesem Bildhaft-Imaginativen gestalten sie dann dasjenige, was ihnen die Sprache an Lautgestaltungen, an Lautformulierungen möglich macht.
Cite:
GA 277c/1922-11-05/p015 · edition original