Ansprache zur Eurythmie
Begreiflich muss es auch sein, dass zu der Eurythmie etwas anders rezitiert und deklamiert werden muss, als das sonst in dieser Zeit, in der Gegenwart gewöhnlich geschieht. Unsere Zeit liebt ja in gewissem Sinne außerordentlich Unkünstlerisches, und man findet es heute nicht mehr begreiflich, warum zum Beispiel Goethe selbst seine Jamben mit seinen Schauspielern mit dem Taktstock in der Hand eingeübt hat wie ein Kapellmeister, indem er auf die Behandlung der Sprache viel mehr gesehen hat, als auf die Pointierung des Inhaltes. Goethe war eben durch und durch Künstler, während heute eine unkünstlerische Zeit gewöhnlich Rezitations- und Deklamationskunst darinnen sicht, dass der Prosagehalt einer Dichtung ausgedrückt wird. Wie man ja sogar in einem unkünstlerischen Empfinden so weit geht, dass man die Rezitation und Deklamation eines Gedichtes umso schöner empfindet, je unkünstlerischer und prosaischer sie ist.
Cite:
GA 277d/1923-01-07/p013 · edition original