Der Ursprung der Architektur aus dem Seelischen des Menschen und ihr Zusammenhang mit dem Gang der Menschheitsentwickelung
Und wer sich hineinversetzen kann in den fortgehenden Gang der Menschheitsentwickelung, der fühlt - besonders beim Verfolgen der italienischen oder französischen Baukunst -, wie bei dem Übergange von der Entwickelung der Verstandes- oder Gemütsseele in die Entwickelung der Bewußtseinsseele hinein es nun nicht mehr auf ein ruhiges statisches Sichstützen und Sichtragen aus der inneren Totalität heraus ankommt, und man nun nicht mehr, wie in der griechischen Baukunst, innerliche Geschlossenheit in der Form anstrebt, sondern wie man ins Dynamische überzugehen sucht, gleichsam herauszukommen sucht aus seiner Haut, um, wie in der Bewußtseinsseele, in Zusammenhang zu treten mit der Realität der Außenwelt. Die gotischen Bogen öffnen sich in langen Fenstern dem Lichte des Himmels. Das ist nicht so in der griechischen Baukunst. Beim griechischen Tempelbau wäre es für die Auffassung ganz dasselbe, ob Licht hereinfällt oder nicht. Das Licht ist dabei nur zufällig. Für den gotischen Dom ist das nicht gleichgültig; der gotische Dom ist nicht denkbar ohne das Licht, das sich in den bunten Fenstern bricht.
Cite:
GA 286/1913-02-05/p026 · edition original